untitled | yvi @ the vision
Neele ist da geblieben - Liane von Droste.

Dieses Buch liegt mir persönlich sehr am Herzen, weil es mich im Rahmen meines sozialen Jahres ganz direkt berührt. Als ich mich Ende Juli in meiner Einrichtung vorstellte, war ich so früh dort, dass ich noch einiges an Luft bis zum eigentlichen Termin zur Verfügung hatte. In dieser Zeit hat sich die nette Dame am Empfang meiner angenommen, wir haben uns unterhalten und sie hat mir dieses Buch hier ans Herz gelegt und geschenkt. Sie meinte, sie würde bereits ein zweites Exemplar davon besitzen.
Ich war neugierig, von welchen Schicksalen mir Neele ist da geblieben erzählen würde ... Letztendlich haben sie mich tief berührt.

Klappentext

Sie sind erst wenige Monate alt oder hundert Jahre, sind Teenager, junge Erwachsene oder vor kurzem in Rente gegangen. Was sie verbindet, ist eine Einschränkung in der Beweglichkeit oder auch die Erfahrung des Andersseins. Nicht alle Menschen in diesem Buch sind im klassischen Sinn "behindert". Alle aber werden behindert -
von unüberwindlichen Stufen, Vorurteilen, zu kleinen Buchstaben oder von Menschen, die über die Kosten für die Rollstuhlreparatur, einen Platz im Kindergarten oder den Neigungswinkel einer Rampe zu entscheiden haben.
Ina, Klara, Metin und Waldemar, die im Mittelpunkt der Portraits und Reportagen stehen, geben im Gespräch mit der Autorin Einblick in ihren Alltag und in ihre Gedanken. Sie erleben Banales und Dramatisches, sind fröhlich oder traurig, für viele von ihnen erleichtern medizinischer Fortschritt oder das Internet die Teilnahme am Leben und den Kontakt mit anderen.

Ein Buch wider die Barrieren in den Köpfen.


Die Autorin

Liane von Droste wird 1959 geboren und widmet einen großen Teil ihres Lebens dem Schreiben. Sie war bereits als Volontärin, Redakteurin, selbstständige Journalistin, Dozentin und Autorin tätig. Nach dem Flüsschen, an dem sie geboren wurde, nannte sie ihren Verlag, den sie 2010 gründete:
edition steinlach.

Persönlicher Eindruck

Eine Rezension zu diesem sehr persönlichen Buch zu schreiben fällt mir schwerer, als meine vorangegangenen Leseeindrücke zu gewöhnlichen Romanen in Worte zu fassen.
Ich habe vergangenen Mittwoch mit meinem FSJ bei der Körperbehindertenförderung begonnen und im Rahmen von diesem Neele ist da geblieben gelesen. Einfach, weil ich mehr von den Menschen erfahren wollte, mit denen ich in den kommenden Monaten zusammenarbeiten werde. Einige der von Liane von Droste vorgestellten Leute kannte ich durch mein Einführungsseminar sogar schon flüchtig, das Buch hatte also einfach eine komplett andere emotionale Tragweite.
Es war sehr viel persönlicher, sehr viel direkter. Wie ein Gespräch. Das hat es schwer gemacht, das Buch in einem Fluss zu lesen, denn ich wollte alles daraus mitnehmen. Jede einzelne Geschichte, jedes Schicksal, jedes Interview. Ich wollte die Seiten nicht nur überfliegen, sondern ich wollte den Menschen, die darin sprechen, vollkommenes Gehör schenken. Sie haben mich in ihrer Offenheit und oft auch ihrem Mut und ihrer Lebensfreude tief beeindruckt.

Ich stehe noch ganz am Anfang von meinem FSJ.
Bisher habe ich noch keine persönlichen Erfahrungen gesammelt - positive oder negative - und in den Einführungsseminaren gemeinsam mit anderen Neulingen nur den Worten der Leute gelauscht, die in diesem Feld um einiges erfahrener sind als wir. Ich bin sehr gespannt darauf, welche Erlebnisse das kommende Jahr mit sich bringen wird, wie es mich zeichnen wird und wie ich daran wachsen werde.

Einen ersten Schritt in diese Richtung hat mich Lianes Buch gelenkt. Es war aufrichtig, offen und es hat meinen Blick schon jetzt für das geschärft, was die Autorin und einer der Porträtierten die Barrieren in den Köpfen genannt haben.
Ich finde, diese Umschreibung ist sehr klug gewählt und lege das Buch jedem ans Herz, der sich für Menschen und ihre vielfältigen Schicksale interessiert.

/
Nachtschwärmerin am 7.9.10 00:42


Zebraland - Marlene Röder.

Ich möchte mich herzlich beim Ravensburger Buchverlag für ein Rezensionsexemplar dieses ganz besonderen Buches bedanken.

Klappentext

"Hätte ich damals gewusst, was auf mich zukommt, wäre ich zu Hause geblieben. Ich hätte mir die Bettdecke über den Kopf gezogen und mit angehaltenem Atem gewartet."
"Gewartet? Worauf?"
"Darauf, dass dieser Kipppunkt in meinem Leben harmlos verstreicht. Nichts, nichts auf der Welt hätte mich dazu gebracht, auf dieses Festival zu fahren. Aber damals ahnte ich noch nicht, wie Normalität von einer Sekunde auf die andere zu etwas so Ungeheuerlichem werden kann ..."

Sommer, Sonne, Raggae -
es war einfach alles perfekt an jenem Abend im August. Doch wie gern würden Judith, Philipp und Anouk genau diesen Abend aus ihrem Leben streichen.
Den Abend, an dem sie unter freiem Himmel zu Bob Marley tanzten.
Den Abend, an dem sie Yasmin töteten.
Ein tragisches Unglück. Keine Zeugen.
Ein Schweigegelübde wird für die Freunde zur moralischen Zerreißprobe. Angst und Schuldgefühle wiegen immer schwerer - verkehren Vertrauen in Misstrauen, Stärke in Schwäche, Liebe in Hass ...


Die Autorin

Marlene Röder, geboren im Jahre 1983, schreibt seit ihrem 14. Lebensjahr und lebt und studiert heute in Gießen. Ihr erster Roman Im Fluss wurde mit dem Hans-im-Glück-Preis der Stadt Limburg ausgezeichnet.

Persönlicher Eindruck

Ich habe dieses Buch innerhalb einer Nacht ausgelesen, mit müden Augen bis zum Schluss die Seiten umgeblättert. Die Atmosphäre war authentisch, die Stimmung dicht und packend.
Was mich noch mehr als die zentrale Frage nach der Schuld und dem Umgang mit ihr beschäftigte, war der Moment des Autounfalls, der so schnell und so unerwartet kam.

"Im ersten Moment blieben wir alle reglos sitzen. Vielleicht habe ich mir das nur eingebildet, dachte ich. Es ist gar nichts passiert.
Aber dann brach das totale Chaos aus. Alle schrien durcheinander. Judith riss die Tür auf und sprang aus dem Auto. Philipp und ich folgten ihr. Nur Anouk blieb sitzen, die Lider fest zusammengepresst."


Mehr Worte braucht es gar nicht, um diese Schrecksekunden zu beschreiben.
Das Buch ging mir so nahe, weil dieser Moment mich tief berührt hat. Ich hatte vor einigen Wochen selbst einen Autounfall, bei dem ich hinter dem Steuer saß, das Auto voller Freunde. Dass es bei uns keinen Personenschaden gab, nur verschrottungsreifes Blech, war pures Glück und die intensive Arbeit von fünf sehr zuverlässigen Schutzengeln. Ich habe mich beim Lesen sofort in diesen Wagen zurückversetzt gefühlt, in diese Schockstarre und das Gefühl, dass man neben sich steht und eine Person beobachtet, die nur so aussieht und agiert wie man selbst, aber nicht sie zu sein. Und genauso wie im Auto der vier jungen Menschen hat auch mich zuerst die Frage eines Freundes in die Realität zurückgeholt:

"Geht es allen gut?"

Übrigens kamen auch wir von einem Reggae-Konzert, die Parallelen sind unheimlich. Doch hier trennen sie sich auch, denn die Schuldfrage stellte sich uns nie.
Ich fand den Umgang Marlene Röders mit dieser sehr gut und interessant. Sie klagt nicht direkt an, sondern entwickelt in ihren Charakteren ein Eigenleben, in dem jeder von ihnen für sich selbst und sein Gewissen mit dem unglücklichen Tod des Mädchens umgeht, der so schnell und unerwartet kam. Ein Moment, ein einzelner Fehler ... Soviele Konsequenzen. Das Geschehen und die Emotionen haben mich gepackt wie selten eine Geschichte vor ihr.

Spannender als zuvor wurde es dann mit dem Auftauchen von Mose und seinen Aufträgen, die das scheinbare Ziel hatten, die Schuld der vier Freunde zu sühnen. Ich muss zugeben, dass ich die Auflösung des Romans zwar einmal kurz erahnt habe, aber bis zum Schluss dann doch auf einer falschen Fährte und somit überrascht war, als es dann zum großen Showdown kam. Chapeau, Frau Röder.

Ich würde das Buch gerne mit 4 von 5 Sternen bewerten, denn es hat mich gefesselt und mich beeindruckt, mich emotional mitgerissen und erschien mir authentisch in seiner Geschichte und auch seinen Protagonisten. Gut gewählte Gesichter, unerfahren und ängstlich in ihrer Jugend, aber voller Ideale in dieser Konfliktsituation. Ich habe ihnen ihre Geschichte geglaubt, in Gedanken die Songs Bob Marleys gehört, mich in ihnen verloren und daran gedacht, dass ich ebenso wie sie die Journalistik liebe. Es waren junge Menschen, dir mir als Leserin nahe waren, in all ihrer Angst, ihrem Schrecken und sicher auch ihrem schlussendlichen Mut.

/
Nachtschwärmerin am 30.8.10 13:20


Auftauchen - Jennifer Haigh.

Ich möchte mich herzlich bei Droemer / Knaur für ein Rezensionsexemplar dieses Buches bedanken.

Klappentext

Was wird aus einer Familie, wenn durch einen Schicksalsschlag die schöne Fassade vom vollkommenen Glück zusammenbricht?

Nach außen sind die McKotchs eine geradezu perfekte Familie. Doch als die 13-jährige Gwen schwer erkrankt, zeigt sich plötzlich, wie einsam jeder von ihnen ist. Zu hoch sind die Erwartungen, die alle haben, zu groß die Zweifel an der Liebe zueinander. Allein Gwen gelingt es schließlich als junge Frau, ihrem Schicksal zu trotzen. Als sie sich verliebt, hat sie das Gefühl, endlich aufzutauchen und befreit zu sein. Doch ihr unverhofftes Glück löst in ihrer Familie fatale Emotionen aus.


Die Autorin

Jennifer Haigh ist ein Kind des Jahres 1968. Sie studierte Englisch und Französisch und arbeitete später als Journalistin. Auftauchen ist ihr dritter Roman, heute unterrichtet sie kreatives Schreiben an der Universität in Boston.

Persönlicher Eindruck

Auf den Roman Jennifer Haighs hatte ich mich sehr lange gefreut, denn sein Inhalt klang wundervoll. Ich weiß selbst noch nicht so ganz genau, ob ich nach dem Lesen nun enttäuscht bin oder nicht ... Der Übergang scheint fließend zu sein.

An einem Sommertag 1976 lernt man im Haus des Kapitäns, so der Name der Ferienwohnung, die Familie McKotch kennen.
Den Vater und Workaholic Frank, dessen einzige Liebe und Leidenschaft die Wissenschaft ist (ist sie das wirklich?).
Seine Ehefrau Paulette, ein für meinen Geschmack viel zu anständiges Mädchen, ständig in Sorge, ständig so adrett und gesellschaftskonform.
Die dreizehnjährige Gwen, die ihren letzten Sommer in Unkenntnis über ihre Krankheit verbringt.
Ihr älterer Bruder Billy, gutaussehender Vorzeigesohn, der in diesem Sommer den Grundbaustein für seine späteren Lieben und das Leben, das sie mit sich bringen, legen wird.
Und Scotty, der Jüngste, so wild und unzähmbar, kaum unter kontrollierter Hand zu halten.

Dass diese Familie nicht so perfekt ist, wie sie vorgeben möchte zu sein, wird dem Leser gar nicht erst vorgespielt. Man spürt schon anfangs die Spannungen zwischen Paulette und Frank, die ihre Ehe auf unsicheres Fundament gebaut haben, spürt die Sorgen und Ängste Gwens, dass vielleicht doch irgendetwas nicht in seinen gewohnten Bahnen verläuft.
Diese detaillierten Beschreibungen der Charaktere verlieren sich auch im Laufe des Romans nicht, man hat das Gefühl, irgendwie können sie alle nicht so ganz aus ihrer Haut. Und obwohl sie alle so vielschichtig und im Detail beschrieben sind, lag genau darin mein Problem mit Auftauchen:

Es kam einfach kaum Empathie mit ihnen auf.

Es redete zwar einmal jeder von ihnen, die Stimmen und Perspektiven wechselten, man erfuhr von ihren Gedanken und allzu oft unterdrückten Gefühlen, aber ich als Leserin konnte einfach nicht mit ihnen warmwerden. Sie waren nicht sympathisch, aber eben auch nicht auf diese beabsichtigte Weise liebenswert-unsympathisch. Sie waren keine gekonnten Anti-Helden.
Für mich hat sich der Roman deswegen in all seiner vielfältigen Handlung ziemlich gezogen, viele Beweggründe für kopflose Reaktionen und Worte konnte ich nicht nachvollziehen.

Für mich hat erst das Ende dieses Buch gerettet, auch wenn ich es dennoch nicht als schlecht eingestuft hätte (angenehmer Schreibstil, hübsch gewählte Worte, aber sehr konstruiert).
Das Ende war wieder irgendwie schön, behielt aber seinen melancholischen Zug bei. Das hat mir sehr gefallen und zum ersten Mal im Verlauf dieser 528 Seiten hatte man wirklich das Gefühl, dass dort Liebe in dieser Familie ist. Wenn sie schon vorher dort war, dann wurde sie letztlich doch nur immer unter falschem Stolz, jugendlichem Leichtsinn, Schutz vor Enttäuschungen oder dem persönlichen Selbstexil begraben, was die Lektüre seitenweise doch ziemlich anstrengend machte. Da es kein Buch von großen Taten und Aktionen war, musste es von den Gefühlen seiner Protagonisten leben, und diese waren nicht immer so, dass sie ihre Natürlichkeit behielten.

Ich würde Auftauchen dennoch weiterempfehlen, weil ich glaube, dass es mir fehlen würde, hätte ich es nicht gelesen. Nicht uneingeschränkt und nicht mit voller Punktebewertung, aber die Liebe und Traurigkeit der letzten Seiten, diese Tatsache, dass Familienbande doch irgendwie gegen alle Äußerlichkeiten resistent sind, hat mich tief berührt.

/
Nachtschwärmerin am 29.8.10 18:11


High Times (Mein wildes Leben) - Uschi Obermaier und Olaf Kraemer.

Von Uschi Obermaier kannte ich vor dem Lesen ihrer Biografie nicht sehr viel mehr als nur ihren Namen, aber die Zeit, in der sie lebte und liebte, fasziniert mich schon seit dem Geschichtsunterricht. Ich wollte alles und noch viel mehr über die Zeit der 68er-Bewegung lesen, über die Befreiung von verstaubten Gedanken, über Rebellion und jugendlichen Leichtsinn, Engagement, Grenzgänger und den Wandel.
Dieses Buch erzählte mir mit der Stimme Uschi Obermaiers davon.

Klappentext

"Ich wollte alles von dieser Welt."

Uschi Obermaier war DIE Galionsfigur der Gegenkultur, Pop-Ikone der 60er- und 70er-Jahre, Pin-up der Studentenrevolte, wurde berühmt und begehrt als Model und Covergirl, Filmstar, Groupie und Geliebte -
ohne sich dabei jemals in eine Schublade stecken zu lassen. Ihr Leben zwischen Sex, Drugs und Rock'n'Roll war wie ein realer Roadmovie - rasant, übertourig und losgelöst von allen Fesseln bürgerlicher Konventionen. In dieser mitreißenden, reich bebilderten Autobiografie erzählt Uschi Obermaier erstmals völlig ungeschminkt, wie ihr Leben wirklich war.


Der Autor und die Frau, mit der er sprach

Olaf Kraemer wurde 1959 geboren und lernte Uschi Obermaier später in Kalifornien kennen. Die Grundlage zu ihrer Autobiografie bildeten gemeinsame Interviews seit dem Jahr 1992, dennoch standen der Veröffentlichung des Manuskriptes noch einige Hindernisse im Wege:
Mit der ersten Ausarbeitung war Uschi selbst nicht zufrieden, später fand sich kein Verlag und Kritikerstimmen wurden allzu laut, dass man eine Frau wie Frau Obermaier doch nicht so frei reden lassen dürfe, sie würde sich ja selbst ans offene Messer liefern.
Irgendwann nahm sich jedoch der Verlag Heyne des Manuskriptes an und es kam zur Buch- und sogar zur Filmverwirklichung über das wilde Leben der Uschi Obermaier.

Persönlicher Eindruck

So wie sich die Stimmen der Kritiker und Bewunderer der Persönlichkeit Uschi Obermaiers spalten, so fühle auch ich mich nach dem Lesen ihrer Biografie wie balancierend auf einer Mauer zwischen zwei Seiten.

Einerseits ist da die Faszination, die diese Frau ausstrahlte.
Sie war keine aufgesetzte Rebellin, keine erzwungene Intellektuelle und kein Mädchen, das ihr Fähnchen nach dem Wind drehte. Aus jedem Wort dieser Seiten und aus jeder Mimik auf den Fotografien hat man das Gefühl, es spricht ein echter Mensch in all seiner Authentizität und lässt sein Leben Revue passieren. Das ist wahrscheinlich der Punkt, der mich während des Lesens am stärksten beeindruckt hat.
Dabei war sicher nicht alles gelungen, was sie sich in ihrer Echtheit leistete und eroberte:
Sie zehrte nicht nur aus der Provokation, sondern auch aus Drogen und Liebesaffären. Aber ganz egal, was Uschi Obermaier tat, sie vollführte die Dinge in tiefster Überzeugung ihrer Person und sah über den Staub der Moral hinweg, der ab und an auch zur Zeit der sexuellen und gedanklichen Befreiung noch auf ihrem Weg aufwallte.
Ich mag dieses Grenzgängertum und die Tatsache, dass sie ihr Leben so wild lebte, weil sie es so sehr liebte.

Kehrt man die Medaille einmal um, wirft man in dieser Bewegung aber auch Fragen auf.
Zum Beispiel diese, wieviel von dem Zeitgeist der 68er Uschi Obermaier wirklich symbolisierte. Auf den ganzen 217 Seiten findet Politik, die sich damals in einem rasanten Wandel und einer interessanten Zeit befand, mit kaum einem Wort Erwähnung. Sie war politisch nie aktiv, doch nimmt das noch Einfluss auf den Menschen, der sie war?

"Ich wollte alles von dieser Welt."

Diese Worte ihrerseits haben mich tief beeindruckt. Auch wenn es Uschi nie so sehr um die Politik ging, sie hat ihr Leben genutzt, um soviel wie möglich daraus mitzunehmen, zu lieben, zu sehen, zu genießen, zu reisen und alles, alles so intensiv wie nur möglich zu fühlen und zu erleben.
Um also mit diesen Eindrücken auf die aufgeworfene Frage zu antworten:
Nein, so tragisch ist das nicht, dass Politik in diesem Werk kaum Gehör findet. Es wird nicht einsam bleiben, denn diesem Thema haben sich zahlreiche andere Recherchen angenommen.

Ich habe insgesamt nur zwei knappe Tage gebraucht, um das Buch auszulesen. Sie reichten trotz der Längen zum Ende hin aus, um mir eine faszinierende Frau zu beschreiben, die ihr Leben stets so versucht hat zu leben, dass sie es im Nachhinein lieben konnte. Wenn diese Biografie mich auch nicht ganz überzeugen konnte, so hat sie mir zumindest interessante Einblicke in eine aufregende Zeit gegeben und das Bild einer Persönlichkeit näher gebracht, mit der ich gerne bei einem Kaffee und einer Zigarette über ihr Leben gesprochen hätte.

Ich möchte mit dem schönsten Zitat enden, das mir in der Biografie Uschi Obermaiers, dieser so faszinierenden Grenzgängerin, begegnet ist:

"Wir glaubten an Märchen, also passierten uns Märchen."

/
Nachtschwärmerin am 24.8.10 01:17


Die Einsamkeit der Primzahlen - Paolo Giordano.

Bevor ich das Buch Paolo Giordanos gelesen habe, stand es lange und hoch auf meiner Wunschliste. Es klang so melancholisch und gut ...
Und das war es letztlich auch.

Klappentext

"Mattia hatte gelernt, dass es Paare von Primzahlen gab, zwischen denen immer eine gerade Zahl stand, die verhinderte, dass sie sich berührten. In Mattias Augen waren sie beide, Alice und er, genau dies:
Primzahlen, allein und verloren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um einander wirklich berühren zu können."

Paolo Giordano findet unvergessliche Bilder und Gesten für die verschlungenen Wege, auf denen die Dramen der Kindheit in uns fortwirken, und erzählt mit meisterhafter Spannung von zwei Menschen, die das Schicksal füreinander bestimmt zu haben scheint.
Es ist der große Roman einer unvollendeten Liebe.


Der Autor

Paolo Giordano wurde 1982 im italienischen Turin geboren, wo er später Physik studierte und auch lehrte. Sein Romandebüt Die Einsamkeit der Primzahlen war das meistverkaufte Buch Italiens im Jahre 2008 und machte ihn zum jüngsten Preisträger in der sechzigjährigen Geschichte des Premio Strego, dem wichtigsten Literaturpreis Italiens. Sein Roman wurde bisher in 26 Ländern verkauft.

Persönlicher Eindruck

Was Paolo Giordano hier geschrieben hat, ist ein sehr traurig-melancholischer Roman. In seinem Mittelpunkt stehen Alice Della Rocca und Mattia Balossino, zwei in ihrer Kindheit so tief verletzte Seelen, dass für sie ein gewöhnlicher Lebensweg nicht mehr infrage kommt.
Alice ist noch jung, als ein Skiunfall, bei dem ihr allzu ehrgeiziger Vater eine tragende Rolle spielt, ihr linkes Bein lähmt und die Balance zwischen Körper und Seele des Mädchens vollkommen zerstört. In den Jahren, die noch folgen, soll sie nie mehr ganz von diesem Ungleichgewicht loskommen, welches sich in Form der Magersucht auf ihren Rippen abzeichnet.
Ungefähr zur gleichen Zeit entscheidet sich der kleine Mattia, seine geistig behinderte Zwillingsschwester Michela für ein paar Stunden auf einer Parkbank warten zu lassen. Das Mädchen taucht nie wieder auf und es ist der Geist dieser Schuld, der Mattia in die Krankheit der Selbstverletzung treibt.

Es sind zwei sehr unterschiedliche Arten der Erlebnisse, aber beide machen sie die Protagonisten zu sehr einsamen, verletzlichen Seelen, die so gar nicht mit den Erwartungen des Alltags zurechtkommen wollen. Sie vereinsamen, ziehen sich zurück und es will ihnen nie so recht gelingen, einen Platz in dieser langen Folge von Tagen und Monaten zu finden, mit welchen sich ihr Leben strukturieren lässt. Sie sind wie Primzahlen in einer Zahlenreihe.

In Giordanos Romandebüt begleitet man Alice und Mattia von den Kinderschuhen bis in die Anfänge ihrer 30er Jahre hinein und dadurch erscheinen sie einem sehr vertraut in dem, was sie tun und wie sie fühlen. Sie sind beide keine oberflächlich gezeichneten Charaktere, sondern sehr tief, sehr menschlich und man hat das Gefühl, dass sie einem beim Lesen nahe sind in all ihrer Sonderbarkeit und Einsamkeit. Sie sind Protagonisten, die man gerne trösten und denen man sehr gerne dann helfen würde, wenn sie es gegenseitig nicht mehr können.
Es war vor allem schön zu lesen, dass sie bei all ihrer Zurückgezogenheit immer alles stehen und liegen gelassen hätten, um bei dem anderen Primzahlzwilling zu sein. Dabei war es egal, ob sie einander fünf Tage oder fünf Jahre nicht gesehen hatten, ihre Verbindung blieb stets bestehen, was sie zu etwas sehr Beruhigendem, zu einer Art Konstanten machte.

Ich möchte das Buch mit fünf Sternen bewerten und es zu meinen liebsten Werken hinzufügen, die ich jemals gelesen habe. Es hat mir gefallen, dass Giordano nicht auf alle Fragen antwortete, die er aufwarf, einiges unausgesprochen in der Luft hängen ließ und wieder anderes der Interpretationsfreiheit des Lesers überließ (wie zum Beispiel Alices Begegnung an den Glastüren des Krankenhauses zum Ende des Romans).
Die Einsamkeit der Primzahlen ist für mich eines der traurigsten und gelungensten Bücher, die ich jemals lesen durfte.

Nachtschwärmerin am 22.8.10 15:10


Das geheime Leben der Bücher - Régis de Sá Moreira.

Ich möchte mich herzlich bei Droemer / Knaur für ein Rezensionsexemplar dieses ganz besonderen Buches bedanken.



Klappentext

Auch Bücher brauchen Liebe!

Viele wünschen sich, sie könnten von Luft und Liebe leben. Er, der Buchhändler, lebt vom Lesen, denn nur dann hat er das Gefühl, geliebt zu werden. Seine Buchhandlung ist sein Universum, die Bücher sind seine Schützlinge. Und bei jedem Klingeln seiner Türglocke ist er immer wieder bereit, seine frohe Botschaft zu verkünden:
Lesen hilft und macht glücklich ...


Der Autor

Régis de Sá Moreira wurde 1973 als Sohn einer Französin und eines Brasilianers geboren. Er lebt und arbeitet heute als freiberuflicher Autor in Paris. Joseph & Klara, eine Liebesgeschichte ist nach Das geheime Leben der Bücher sein zweites Buch in deutscher Sprache.

Persönlicher Eindruck

Ich habe das Buch gestern Nacht innerhalb von wenigen Stunden ausgelesen ... Und es hat mich verzaubert. Sein Inhalt ist traurig, aber auf eine ganz besondere Weise.
Die Geschichte rahmen ein Prolog und ein Epilog ein, die weit entfernt von dem eigentlichen Handlungsort spielen. Dort stehen drei Frauen auf einem Schiff und jede von ihnen wünscht sich auf ihre eigene Weise den Untergang dieses Schiffes. Sie scheinen sich sehr zu unterscheiden, doch in ihrer Vergangenheit findet sich eine gemeinsame Liebe. Diese ist der namenlose Buchhändler in seiner Buchhandlung viele Meilen entfernt von ihnen.
Zurückgezogen lebt er zwischen seinen Büchern, die für ihn schon längst zu viel mehr geworden sind als nur mit Lettern bedruckte Seiten. Er pflegt sie, liest ihnen vor, beschützt sie wie Kinder und lässt sie mit seinen Kunden ziehen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Er, der namenlose Buchhändler, bleibt aber stets Bestandteil seiner Buchhandlung. Nie verlässt er diese, denn die Welt vor der stets geöffneten Tür reizt ihn nicht mehr, sie hat ihn in Person seiner alten Freunde vergessen. Es scheint fast so, als sei der Buchhändler nur noch eine Erinnerung, ein Schatten seiner selbst. Klare Grenzen zwischen Realität und Fantasie zieht der Autor in seinem Büchlein nicht, aber gerade das macht die Geschichte zu etwas sehr Schönem. Sie fließt dahin und verfliegt, lässt als einzige Spur ihr Gefühl von Glück und Melancholie zurück. Denn eigentlich ist die Geschichte, die Régis de Sá Moreira erzählt, eine sehr traurige:

Der Buchhändler ist in den Mauern seiner Buchhandlung zwar glücklich und steht in Kontakt mit seinen zehn Brüdern und Schwestern, aber für die Welt existiert er nicht mehr. Seine Freunde haben ihn vergessen, seine geliebten Frauen haben ihn verlassen und sein Talent, mit den Menschen umzugehen, ist nun verschwunden. Paare, die mit einem Dingelingdingeling seinen Laden betreten, versetzen ihn in Angst und Rage, gerne geleitet er sie sehr schnell und nicht immer freundlich aus seinem Laden hinaus. Seinen anderen Kunden hilft er gerne, doch nicht immer kann er sie begreifen. Manchmal tröstet er sie, manchmal wundert er sich über sie und es kann sogar passieren, dass er eine Frau zwischen den Regalen für russische Literatur liebt. Aber letztendlich bleibt der Buchhändler in seiner Welt voller Bücher dennoch sehr einsam.

Ich hatte das Gefühl, dass mir der Autor auf diesen 176 Seiten eine ganz besondere Geschichte erzählt, die auch lange nach dem Lesen noch in der Erinnerung an einen Buchhändler, der irgendwo weit weg so einsam wie glücklich ist, noch nachklingt. So etwas wie sie habe ich noch nie gelesen.

/
Nachtschwärmerin am 18.8.10 19:48


Birne sucht Helene - Carsten Sebastian Henn.

Ich möchte mich bei vorablesen herzlich für ein Rezensionsexemplar dieses bezaubernden Buches bedanken.

Klappentext

Kochst du noch oder knutschst du schon?

Paul versteht die Frauen nicht. Ob er als Held am Herd bessere Chancen hätte? Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen.
Paul legt los. Er verbrennt sich die Finger, die Hose und die halbe Küche. Dann lädt er seine Traumfrau zum Essen ein. Und die Flammen schlagen hoch.


Der Autor

Carsten Sebastian Henn wurde 1973 in Köln geboren, der Stadt, in der auch Birne sucht Helene spielt. Vor diesem Roman veröffentlichte er bereits Wein- und Hundekrimis und ist heute soweit, selbst einige der ungewöhnlichsten Weine Deutschlands zu keltern.

Persönlicher Eindruck

Ich möchte meine Eindrücke zu diesem Roman niederschreiben, solange sie noch frisch sind. Jetzt, wo ich es gerade beendet habe, sitze ich noch immer lächelnd an meiner Rezension und fühle mich irgendwie ... Gut damit. Birne sucht Helene war ein unglaublich schönes Buch voller Humor und Glücksmomente.

Angefangen bei den beiden Hauptcharakteren und ihrer noch-nicht-so-ganz-Liebe zueinander. Eli mag Paul und Paul liebt Eli, eigentlich erscheint alles ganz einfach. Doch da sind eben auch noch Pauls Schüchternheit im Umgang mit den Frauen und Elis liebenswerte Zerstreutheit, die sie davon abhält, ihre Glückszahlen in der Umgebung des sympathisch-unbeholfenen Mannes von der KFZ-Zulassungsstelle zu finden. Dabei sind sie doch so wichtig und sie dort kein gar so seltener Besucher ... Bei all den miesen Verkehrsschildern, die sich ihrem moosblauen oder sumpfgrünen Auto in den Weg stellen.

Was das Buch für mich ganz besonders gemacht hat, war Henns mitreißendes Gespür für Humor. Ich musste noch bei keinem Buch sooft lachen, wie es mir bei diesem passiert ist, und das rechne ich ihm sehr hoch an. Ganz egal, ob sich Paul von seiner Oma Gerti Liebes- und stellenweise auch Kussratschläge holen muss ("Es ist nicht so, als ob man einen Napf ausschleckt, mein Jung."), er bei einem Telefonat mit Elis homosexuellem besten Freund Löschi von der teufelswilden Katze seines Kumpels angefallen wird oder Eli sich gleich zu Anfang der Geschichte - ganz weibliche Protagonistin - einen nicht mehr ganz so tollen Gebrauchtwagen aufschwatzen lässt, der Humor Carsten Sebastian Henns zog sich ohne Durststrecken durch das ganze Buch hindurch und offenbarte dadurch nicht nur eine schöne Geschichte, sondern auch sympathische Charaktere. Mit Frauen wie Eli in ihren Blumenstickereienkleidern, bunten Ringelschals und Ponchos wäre man gerne befreundet, Männer wie Paul würde man gerne so lassen, wie sie sind, und einfach küssen. Es erscheint einem beim Lesen irgendwie alles gar nicht so kompliziert, wie das wirkliche Leben einem tagtäglich vorzuspielen versucht.

Mit Unvorhersehbarkeit konnte die Geschichte für mich nicht auftrumpfen, aber sie kommt so liebenswert des Weges, dass es für mich keinen Kritikpunkt darstellt. Ich habe sie gerne gelesen und wäre der Schluss nicht so gewesen, wie er nun mal war, hätte ich mich als Leserin um mein Happy End betrogen gefühlt.

So verdient der Roman für mich seine Spitzenwertung und noch ein Augenzwinkern für besonders schöne Lesestunden dazu.

Ich habe mir ganz fest vorgenommen, irgendwann für einen besonderen Menschen Birne sucht Helene zu kochen, ganz nach dem Vorbild Paolo Birnbaums.

Nachtschwärmerin am 17.8.10 21:48


 [eine Seite weiter]
Gratis bloggen bei
myblog.de