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Irgendwann werden wir uns alles erzählen - Daniela Krien.
Mein herzlicher Dank gilt vorablesen, die mir durch ein Leseexemplar dieses so leidenschaftlichen Buches eine Rezension erst ermöglicht haben. ![]() Klappentext Maria wird bald siebzehn, sie wohnt mit Johannes auf dem Hof seiner Eltern, in den "Spinnenzimmern" unterm Dach. Sie ist zart und verträumt, verkriecht sich lieber mit den "Brüdern Karamasow", als in die Schule zu gehen. Auf dem Nachbarhof lebt der vierzigjährige Henner, allein. Die Leute aus dem Dorf sind argwöhnisch: Eine Tragik, die mit seiner Vergangenheit zu tun hat, umgibt ihn; gleichzeitig ist er ein Mann, dessen charismatische Ausstrahlung Eifersucht erregt. Ein zufälliger Blick eines Tages, eine zufällige Berührung an einem andern lösen in Maria eine Sehnsucht aus, die fremd und übermächtig ist und sie daher wie von höherer Gewalt geleitet in Henners Haus und in seine Arme treibt ... Die Autorin Daniela Krien, geboren 1975 in Mecklenburg-Vorpommern, aufgewachsen in einem Dorf im Vogtland, lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Leipzig. Sie studierte Kulturwissenschaften, Kommunikations- und Medienwissenschaft und arbeitete unter anderem als Drehbuchautorin und Cutterin für amadelio film. Irgendwann werden wir uns alles erzählen ist ihr erster Roman. Persönlicher Eindruck "Es gibt Dinge, die können gleich erzählt werden, andere haben ihre eigene Zeit, und manche sind unsagbar." Mit diesen Worten beginnt der Klappentext auf der Rückseite und sie fallen auch einmal mehr im Verlauf des Romans. Was Daniela Krien hier auf so wenigen Seiten niedergeschrieben hat, ist eine Geschichte von Liebe und Selbstfindung, die mich bedingungslos mitgerissen hat: Maria ist ein Mädchen von fast siebzehn Jahren und weiß noch nicht, was sie vom Leben erwartet. Zu stark befindet sich die Welt, wie sie sie bisher kannte, im Umbruch, zu groß sind die Veränderungen und die Gefühle, die sie einnehmen. Sie glaubt, sich in den Bauernsohn Johannes verliebt zu haben und erzählt davon in Worten, die mich wirklich berührten: "Später dann steigen wir die Treppen hinauf in unsere Spinnenzimmer und lieben uns. Johannes löscht das Licht, er ist zärtlich und sanft unter der Bettdecke; noch niemals hat er mir wehgetan. Er ist mein erster Mann. Ich glaube, ich liebe ihn." Schon in diesen Worten zeichnen sich die deutlichsten Wesenszüge Marias ab. Sie ist ein sehr zartes und verträumtes, vor allem aber auch ein Mädchen von großer Naivität. Oft wusste ich nicht, ob das für mich die Stärke oder Schwäche der Protagonistin darstellte, denn Daniela Krien kleidete diese Naivität in eine solche Selbstverständlichkeit, dass etwas anderes gar nicht zur Geschichte gepasst hätte. Ohne diesen markanten Wesenszug wäre Maria dem vierzigjährigen Henner, der den Nachbarhof bestellte, wohl niemals verfallen. Er sammelt sie eines Nachts nach einem Autounfall von den Wiesen auf und sie folgt ihm widerstandslos nach Hause. Was dann beginnt, ist eine Liebesgeschichte von arachaischer Wucht, so verspricht es zumindest der Klappentext. Und er täuscht einen nicht: Die Begegnungen zwischen Maria und Henner balancieren ständig an einer sehr schmalen Grenze zwischen Leidenschaft und Brutalität und sie zerreißen Marias Gewissen im Laufe der Geschichte mehr und mehr. Henner ist oft grob und noch öfter betrunken, im nächsten Moment hält er das soviel jüngere Mädchen aber dann doch liebevoll im Arm. Man kann sich eigentlich kein Urteil über die Liebe dieser beiden bilden, denn man kann nur erahnen, wieviel davon körperliche und seelische Abhängigkeit ist und wieviel aus wahren Gefühlen hervorgeht. Für mich war es eher so, dass ich Maria in ihrer Einfachheit und Selbstverständlichkeit bewunderte: Sie goss ihrem Henner Wodka nach, wenn sie wusste, dass der Tag und das Leben selbst ihn mal wieder geschafft hatten. Sie schmiedete Zukunftspläne und verlor sich in ihnen einmal mehr, da sie innerlich wusste, wie weit entfernt sie von der Realität waren. Sie erlernte das Kochen und füllte Marmelade in Gläsern ab, sie war Kind, Geliebte, Freundin und Frau zugleich. Dass sie all dies nie in den Gründzügen anzweifelte, ist so bewundernswert wie traurig. Kurz, bevor die Geschichte endet, formuliert Maria folgenden Gedanken: "Alles passiert irgendwann einmal zum letzten Mal. Oft weiß man nicht, dass es das letzte Mal sein wird." Ich verliebte mich in diese Worte, aber vielleicht war ich auch nur in der richtigen Verfassung, das Buch zu lesen. Fasziniert hat es mich auf jeden Fall in einem hohen Maße - der interessante historische Kontext, der poetische Ton, die authentischen und vielschichtigen Charaktere. Sie waren einem so nahe, wie auch die Geschichte einem nahe kam. Auf eine fast abstrakte Weise, so selbstverständlich. /
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Der letzte Schattenschnitzer - Christian von Aster.
Mein herzlicher Dank gilt vorablesen, die mir durch ein Leseexemplar dieses Buches eine Rezension erst ermöglicht haben. ![]() Klappentext Als eine alte Magie wieder zum Leben erwacht, beginnen die Schatten, sich gegen ihre Herren zu verbünden. Und während ein kleiner Junge die Schatten seiner Stofftiere vertauschen lernt, geschieht ein Wunder, das die Welt in Verzückung setzt: Ein Mädchen ohne Schatten wird geboren, Carmen Maria Dolores Hidalgo. Der Autor Christian von Aster, geboren 1973, studierte Germanistik und Kunst, um sich schließlich Bühne, Film und dem Schreiben zuzuwenden. Neben seinen Fantasybüchern ist er auch mit seinen Lesungen, die Gothic- wie Phantastikszene gleichermaßen begeistern, einem großen Publikum bekannt. Persönlicher Eindruck Fantasy ist eigentlich nicht mein persönliches Lieblingsgenre in der Literatur. Aber obwohl ich viel lieber von Geschichten lese, die sich so tatsächlich ereignen könnten, haben es Autoren wie Walter Moers - vor allem mit seiner Stadt der träumenden Bücher - geschafft, mich zu faszinieren und zu begeistern. Christian von Aster und seinen Schattenschnitzern ist dies leider so gar nicht gelungen, dabei war seine Romanidee in ihren Grundzügen wirklich neu und spannend: Wir leben in einer Welt, in der wir nicht wissen, dass auch unsere Schatten fühlen, denken und ihre eigenen Entscheidungen treffen können, dass sie nicht bloß die dunklen Abbilder unserer menschlichen Körper sind. In dem Moment, in dem wir ihnen ihre Seele absprechen, entflammt einmal mehr der uralte Krieg zwischen Menschen und Schatten, in dem sich letztlich entscheiden wird, welche Seite die andere besiegen und damit beherrschen will. Leider wurde ich in keinem Moment der Geschichte wirklich warm mit dem Erzählstil, den Christian von Aster gebrauchte. Seine Worte wirkten auf mich immer sehr durchdacht und gewollt, aber nicht wirklich gekonnt. Sie waren so zurechtgefeilt, dass ihnen jegliche Natürlichkeit verlorenging. Als sich dann auch noch eine Riesenportion Esoterik in seine Geschichte mischte und Bibelfiguren erschienen, jeder jeden bekriegte und verriet, jeder sein abstraktes Handeln auf einer nicht nachvollziehbaren Ideologie begründete und den Frauenfiguren des Romans schließlich nur minderwertige Rollen zukamen - die der Verräterin, des hübschen Püppchens ohne Seele oder der naiven Mutter, die einen Alkoholiker nach dem anderen als potentiellen Vater für ihren Sohn und Mann ihres Lebens zu Hause anschleppt - stieg ich vollends nicht mehr durch und wünschte mir, die Geschichte würde weniger Seiten umfassen. Eigentlich ist es schade, denn die Grundidee war in meinen Augen sehr schön. Leider scheiterte diese letztlich an der Umsetzung und dem Ton, in dem sie erzählt wurde. /
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Lea - Pascal Mercier.
Eine Geschichte der grenzenlosen Hingabe: an die Musik, für einen geliebten Menschen. Klappentext Die achtjährige Lea hat sich nach dem Tod der Mutter in eine eigene Welt zurückgezogen, zu der auch der Vater keinen Zutritt hat. Erst der Klang einer Geige holt sie ins Leben zurück. Lea erweist sich als außerordentliche musikalische Begabung, und schon bald liegen ihr Publikum und Musikwelt zu Füßen. Doch während Lea von Erfolg zu Erfolg eilt, treibt es ihren Vater immer tiefer in die Einsamkeit. Bei dem verzweifelten Versuch, die Liebe seiner Tochter zurückzugewinnen, verstrickt er sich in ein Verbrechen, das alles verändert ... Der Autor Pascal Mercier, 1944 in Bern geboren, lebt in Berlin. Bekannt und geachtet machten ihn vor allem Werke wie Perlmanns Schweigen, Nachtzug nach Lissabon und Der Klavierstimmer. 2007 wurde Mercier in Italien mit dem Premio Grinzane Cavour für den besten ausländischen Roman geehrt. Persönlicher Eindruck Nach dem Tod seiner geliebten Frau Cécile bleibt Martijn van Vliet nur noch seine kleine Tochter Lea, mit der er plötzlich alleine im Leben steht. Dabei waren Kinder nie Teil seines Planes, er fühlte sich ihrer Liebe und Erziehung nie gewachsen. Ähnlich ergeht es ihm mit Leas Erstarrung nach dem Tod der Mutter. Als sie schließlich der Klang einer Geige in einer überfüllten Bahnhofshalle wieder ins Leben zurückholt, ist es für Martijn van Vliet selbstverständlich, dass er alles tut, um diese Lebendigkeit seiner Tochter festzuhalten: Er kauft ihr ihre erste Geige, er engagiert die faszinierende wie anspruchsvolle Marie Pasteur als ihre Geigenlehrerin, er reist mit ihr um die Welt und feiert ihre Erfolge. Zumindest solange und nur dann, wenn Lea ihn lässt, denn das Talent des Mädchens wächst sich in Sphären aus, die Martijn van Vliet auch als Vater nicht mehr zu greifen weiß. Ihr verrutschen die Sätze, aus ihrem Können heraus entfaltet sich die Arroganz der Perfektion, Lea stellt ausnahmslos alles andere hinter ihre Geige und sich selbst. Das geht solange gut, wie das Mädchen und ihr Geigenspiel von Erfolgen begleitet werden. Als diese nachlassen, verlieren Martijn und Lea beide plötzlich jeglichen Blick für die Realität. Ich muss zugeben, dass Merciers Lea eine starke Faszination auf mich ausübte, aber es war eher eine Faszination im negativen Sinne: Oft erschienen mir die Geschichte, ihre Charaktere und die Art, wie sie erzählt wurde, allzu pathetisch. Gleichzeitig hafteten aber genau diesem besonderen Erzählstil eine Selbstverständlichkeit der Dinge und eine Gefühlsdichte an, die mich vor allem in den letzten Passagen sehr getroffen haben, anders kann ich es kaum sagen. Lea - sowohl das Buch, als auch die Protagonistin - ist wie ein zweischneidiges Schwert, glaube ich. Auf der einen Seite bleibt sie einem durch die Überheblichkeit ihrer Kunst, die aus ihrer Perfektion resultiert, stets ein wenig fremd. Sie strahlt emotionale Kühle aus, die nicht nur ihr Vater Martijn van Vliet spüren muss, auch beim Leser kommt diese an. Und dann wieder gibt es Momente, in denen das kleine Mädchen, das sie einst war, weinend in einer Umarmung Trost sucht. In seinem Nachwort sagt Pascal Mercier etwas zum Subjekt seiner Novelle Lea und ich glaube, mit diesen Worten trifft er die Entwicklung der Charaktere und den Verlauf der Geschichte selbst perfekt: "Dieses Buch handelt von einer Erfahrung, die wir uns ungern eingestehen: Auch diejenigen Menschen, mit denen wir durch große Intimität verbunden sind, können uns fremd werden. Ein unerwartetes Ereignis, eine unmerkliche Veränderung der Situation, eine überraschende Bemerkung: Mit einemmal erscheint eine Person, mit der wir uns eng verbunden fühlten, fremd, und wir haben das Gefühl, sie zu verlieren." Im Licht dieser Worte erscheint einem alles, was Martijn van Vliet in seiner Rolle als liebender Vater getan hat, erschreckend selbstverständlich. Rational gesehen weiß man natürlich, wie verhängisvoll jeder seiner Schritte letztlich hätte werden können oder geworden ist, aber im Moment des Sprechens hat man einen ganz anderen Blick auf die Dinge. Man hört dem groß gewachsenen Mann zu, der seine Hände vom Steuer nehmen muss, wenn ihm ein LKW entgegenkommt - aus Angst, er könnte es herumreißen und dem Tod entgegensteuern. So ist Martijn van Vliet, so sind seine Ansichten, das ist die Geschichte, die er erzählt. Dicht, pathetisch, menschlich, emotional und nahe. In diesem Sinne ist Lea nicht das beeindruckendste Buch, das ich jemals gelesen habe, aber es trifft einen sehr. /
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Mängelexemplar - Sarah Kuttner.
Lockerer Umgang mit ernsten Themen, das kann so nur die Frau Kuttner. Klappentext Karo lebt schnell und flexibel. Sie ist das Musterexemplar unserer Zeit: intelligent, liebenswert und aggressiv, überdreht und traurig. Als sie ihren Job verliert, ein paar falsche Freunde aussortiert und mutig ihre feige Beziehung beendet, verliert sie auf einmal den Boden unter den Füßen. Plötzlich ist die Angst da. Dem Wahnwitz unserer Gegenwart zwischen Partylaune und Panikattacke gibt Sarah Kuttner eine Stimme: vom Augenzwinkern zum Ernstmachen, vom launigen Plaudern zur bitteren Selbstkritik. Lustig und tieftraurig, radikal und leidenschaftlich erzählt sie von dem Riss, der sich plötzlich durch das Leben ziehen kann. Die Autorin Sarah Kuttner wurde 1979 in Berlin geboren und arbeitet als Moderatorin. Neben ihren Sendungen bei Viva und MTV machten sie auch ihre Kolumnen für die Süddeutsche Zeitung und den Musikexpress bekannt. Sarah Kuttner lebt immer noch und gerne in Berlin, Mängelexemplar ist ihr erster Roman. Persönlicher Eindruck "Wo Kuttner drauf steht, ist auch Kuttner drin." Diesen Satz las ich öfter, wenn es um Sarah Kuttners Mängelexemplar ging. Mir war die Autorin zuvor nur flüchtig bekannt, ich war weder mit ihren Kolumnen noch mit ihren Sendungen im Fernsehen besonders vertraut. Aber ihr Roman gefiel mir gut. Ihre Protagonistin Karo war wunderbar: emotional, überdreht, jung und intelligent, ungeduldig, selbstständig und selbstkritisch. Sie war so, dass man sich wundervoll mit ihr identifizieren konnte. Man wälzt als junge Frau oft dieselben Gedanken wie sie, erwartet zu viel von sich selbst, will aber gleichzeitig wenig nach Außen tragen. Man stellt zu hohe Erwartungen an sich und andere und ist enttäuscht, wenn sie sich nicht erfüllen - dabei will man genau das und es am liebsten noch sofort. An dem Punkt, an dem die Erwartungen an die Grenzen der Belastbarkeit der Seele stoßen, ruft auch der Körper: "Stopp!" Und hiermit wird Karo ja so gar nicht mehr fertig. Sie und Depressionen? Dafür hat sie keine Zeit, immerhin ist sie ein sehr ungeduldiger Mensch. Die Kritik, Sarah Kuttner hätte in ihrem Debütroman das Thema Depressionen durch den Kakao gezogen, empfinde ich anders. Ich fand gerade die Flapsigkeit in ihrem Ton sehr authentisch und Karo angemessen, denn nichts hätte künstlicher gewirkt, als wenn sie eine falsche Seriösität beim Thema Depression entwickelt hätte. Kuttner stellt diese nicht als Modekrankheit dar, finde ich, sondern geht sie von einer Seite an, die mir so noch nicht begegnet ist: selbstironisch. Dabei behält sie ständig im Blick, wie sich die Dinge für ihre eigenen Augen und für die der anderen darstellen. Das war für mich das wirklich Besondere an Kuttners Erzählstil. Der Roman wird sich mir nicht für Ewigkeiten als bestes Buch aller Zeiten ins Gedächtnis brennen, aber er hat mir gefallen, er hat mich trotz der Thematik unterhalten und er hat mich auch zum Nachdenken gebracht. Vielleicht war es ja auch ein wenig das, was Sarah Kuttner wollte: mit ihren Worten auffallen, mit ihnen provozieren. Denn wo Provokation ist, sehen und hören die Menschen auch mit Sicherheit hin. /
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Raum - Emma Donoghue.
Mein herzlicher Dank gilt vorablesen, die mir durch ein Leseexemplar dieses so außergewöhnlichen Buches eine Rezension erst ermöglicht haben. ![]() Klappentext Auch seinen fünften Geburtstag feiert Jack in Raum. Raum hat eine immer verschlossene Tür, ein Oberlicht und misst 12 Quadratmeter. Dort lebt der Kleine mit seiner Mutter. Dort wurde er auch geboren. Jack liebt es fernzusehen, denn da sieht er seine "Freunde", die Cartoonfiguren. Aber er weiß, dass die Dinge hinter der Mattscheibe nicht echt sind - echt sind nur Ma, er und die Dinge in Raum. Bis der Tag kommt, an dem Ma ihm erklärt, dass es doch eine Welt da draußen gibt und dass sie versuchen müssen, aus Raum zu fliehen ... Die Autorin Emma Donoghue wurde 1969 als jüngstes von acht Kindern in Dublin geboren. Sie studierte in Dublin und Cambridge. Nach einem Aufenthalt in London zog sie 1998 nach Ontario in Kanada, wo sie mit ihrer Lebensgefährtin und ihren beiden Kindern lebt. Emma Donoghue ist Autorin zahlreicher Romane und Erzählungen. Persönlicher Eindruck Für den kleinen Jack ist Raum die ganze Welt: Er ist 12m² groß, dort stehen ein Herd, eine Wanne, eine Toilette und ein Schrank, in dem er sich versteckt, wenn Old Nick kommt. Im Fernsehen sieht Jack sich immer seine Freunde, die Cartoonfiguren, an. Dora mag er besonders gerne, denn für ihn ist sie real. Nicht greifbar, aber echt. Denn sie ist in Raum und alles, was außerhalb davon liegt, existiert doch gar nicht in echt. Der Einstieg in Emma Donoghues Roman gestaltete sich für mich nicht ganz einfach. Man hätte am besten alles vergessen, was man bisher kannte: Bilder der Normalität, Sozialverhalten, Grammatik. Denn für Jack gibt es das alles nicht, zumindest nicht so. Er benutzt seine eigenen Worte und seine eigene Satzstellung, Dinge werden gebringt und alle Gegenstände im Raum ohne Artikel verwendet, denn für ihn sind sie so echt, dass sie fast Freunde sein könnten. Mummeldecke, Tür, Schrank, Fernseher, Oberlicht: Sie alle sind mehr als nur unpersönliche Gegenstände. Ein wenig erstaunt hat es mich dann schon, wie schnell man sich an die eigene, brillant umgesetzte Sprache des kleinen Jack gewöhnt hat. Sie war flink und der Lesefluss auch nicht sehr viel anders als bei gewöhnlichen Romanen. Denn wenn Emma Donoghues Buch vor allem eines war, dann das: außergewöhnlich. Dass es nicht ganz einfach war, Raum zu lesen, lag allerdings nur zu einem geringen Teil an der Sprache. Viel schwerer wog die Thematik selbst und stieß oft an die Grenzen der Dinge, die man sich mit seinem Verstand vorzustellen vermag. Nach Jacks Beschreibungen ist alles in Raum so selbstverständlich und ausreichend wie für uns die ganze Welt auch, denn er kennt es nicht anders. Dass dem Ganzen allerdings eine 7 Jahre lange Gefangenschaft vorausgeht, dass sich die durch Kinderaugen beschriebene Welt auf Missbrauch, Entführung und Verzweiflung gründet, ist für einen wachen Verstand nur schwer nachzuvollziehen, schwer einzuordnen. Laut den Pressestimmen zum Roman ist Emma Donoghues Buch an die Geschichte von Elisabeth Fritzl angelehnt und die Bilder, die damals durch jegliche Nachrichten jagten, habe ich auch heute noch klar vor Augen. Raum stelle ich mir wie ihren Raum vor. Eine Faszination wusste der Roman auf seine Weise auszustrahlen, denn ich habe ihn innerhalb von nur 2 Tagen ausgelesen. Gestern musste ich es allerdings ab und an aus der Hand legen, denn ich bekam das Gefühl, einfach zu lange mit Jack und seiner Ma im Raum gewesen zu sein. Das klingt seltsam, zeugt für mich aber von den schriftstellerischen Fähigkeiten Emma Donoghues, denn sie wusste mich mit ihren Worten zu erreichen und tief zu berühren. Ich glaube, es war das bisher verstörendste Buch, das ich jemals gelesen habe. Eines, das große Gedankenanstöße gibt. Vor allem in der Zeit nach der Befreiung von Mutter und Kind: Die Augen, die Jack auf die Welt richtet - die wirkliche Welt außerhalb von Raum - sind großartig. All das, was uns selbstverständlich erscheint, ist für ihn neu. Treppenstufen, Saft mit Stückchen, Regen, Schuhe, Sand und Meer. Warum benutzen die Menschen im Draußen soviele seltsame Redewendungen und meinen eigentlich das Gegenteil, warum verhalten sie sich so und nicht anders? Jack mag keine Berührungen und er weiß nicht, warum er seltsam angeschaut wird, wenn er das Buch vom Bagger Dylan, welches im Raum schließlich ihm gehört hat, einfach aus dem Geschäft mitnimmt und in seine Dora-Tasche steckt. Dabei ist das faszinierend Schöne an ihm, dass er all diese Dinge einfach nur mit großem Erstaunen schildert, sie aber nicht als positiv oder negativ bewertet. Manchmal glaube ich, das können so nur noch Kinderaugen - die der Erwachsenen sind oft schon zu verklärt dazu. Jack ist einfach ein kluger, herzallerliebster Geschichtenerzähler und ein guter noch dazu, wie ihm auch der betreuende Psychologe im Laufe des Romans einmal bescheinigt. Er geht einem nahe, berührt einen. Ich glaube, Raum ist ein Buch, das einen schnell und sehr stark mitreißen kann und auf psychologischer und menschlicher Ebene noch lange nachwirkt. Mir fiel das Lesen nicht leicht, aber ich hatte immer das Gefühl, etwas Großes, Echtes, Mutiges in den Händen zu halten. Dafür ziehe ich vor der Autorin meinen Hut, Chapeau.
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Die Lügen, die wir erzählten - Judy Blundell.
Ein Buch, das ich innerhalb von wenigen Stunden verschlungen habe, so sehr wusste es mich zu fesseln. Klappentext USA, 1947. Der Krieg ist vorbei und die Menschen sehnen sich nach den schönen Dingen des Lebens. Kino, Konsum und Reklame prägen den Alltag. Auch die fünfzehnjährige Evie hat Sehnsucht - nach Lippenstift, Nagellack und nach der großen Liebe. Als sie Peter, einem ehemaligen Soldaten, begegnet, scheinen all ihre Träume in Erfüllung zu gehen. Doch Peter hütet ein Geheimnis, das Evies Familie für immer zu zerstören droht ... Die Autorin Judy Blundell lebt zusammen mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter in Katonah, New York. Unter einem Pseudonym hat sie viele New-York-Times-Bestsellerromane geschrieben. Persönlicher Eindruck Evie Spooner wächst im Amerika der Nachkriegsjahre auf, dort, wo der Zucker nicht mehr rationiert ist: Die Menschen umarmen voller Liebe und Tränen in den Augen ihre Heimgekehrten, sie gehen ins Kino und trinken Cola, sie rauchen die Zigaretten nur so dahin, sie fahren in den Urlaub und sie lachen, sie versuchen nur noch glücklich zu sein. Sie versuchen, den Schrecken des Krieges hinter sich zu lassen, Neues auf den Überresten des Alten wieder aufzubauen. Dass dies jedoch gar nicht so leicht ist, merken auch Evie, ihre Mutter und ihr Stiefvater Joe, als in ihrem Urlaub in Palm Beach plötzlich Peter Coleridge auftaucht, der als Soldat an der Seite ihres geliebten Stiefvaters Joe im Krieg gekämpft hat. Die Dinge spitzen sich nach seinem Auftauchen zu, die Gefühle werden dichter, wilder. Solange, bis sie in einer Esakalation enden. Mir hat an Judy Blundells Roman vor allem gefallen, wie echt ihre Protagonistin Evie wirkte. Als junges Mädchen konnte ich mich bedingungslos in ihren Worten und ihren Gefühlen wiederfinden. Ich sah mich in der Art, wie sie die Kleider ihrer Mutter anprobierte und Puder auftrug, ich sah mich in ihrem Verlangen, schön und begehrenswert und erwachsen zu sein wie ihre Mutter Beverly, in deren Schatten sie stets stand. Ich erkannte mich in ihrer Geste, sich an einem Punschglas auf einer ersten Tanzveranstaltung festzuhalten: "Ich ging direkt zum Punsch und goss mir etwas von der roten Flüssigkeit in ein Kristallglas. Ganz langsam, als hoffte ich, irgendein Junge würde herüberkommen und das Einschenken übernehmen. Keiner kam." Sie war es, die einen im Verlauf des Romans grenzenlos faszinierte, sie und ihre Entwicklung. Die Tatsache, dass es in Wahrheit wahrscheinlich die Erwachsenen in ihrer Umgebung waren, die sie beeinflussten, prägten und letztendlich zur Lügnerin machen - oder entschied sie sich selbst dafür? Jedenfalls harmoniert hier für mich alles in einer perfekten Konstellation. Geschichte, Cover, Titel (wobei er mir im Englischen mit What I saw and how I lied sogar fast noch ein bisschen besser gefällt). ![]() Die Art, wie Judy Blundell (und Mirjam Pressler in einer sehr gelungenen Übersetzung!) am Ende ihres Romans ihre Protagonisten und die offenen Fragen in der Luft eines Gerichtssaals hängen lässt, war ebenfalls brillant. Sie sagte kein Wort zuviel, gab keine Antwort extra, die die Grundstimmung des Buches hätte ruinieren können. Stattdessen waren ihre Worte voller Sehnsucht, voller Überfluss der Nachkriegsjahre und der noch nicht getilgten Schulden, voller Aufbruch, voller Liebe, doch auch voller Lügen und voll von den Intrigen, die ihnen vorausgingen. Aber es war hauptsächlich die Sehnsucht, die überwog. Deswegen möchte ich meine Rezension mit den Worten Evie Spooners selbst enden lassen: "Ich hatte mir immer einen Vater gewünscht. Irgendeinen. Einen strengen, einen lustigen, einen, der mir rosa Kleider kaufen würde, einen, der lieber gehabt hätte, wenn ich ein Junge geworden wäre. Einen, der herumreiste, einen, der sich nie aus dem Sessel erhob. Einen Arzt, einen Rechtsanwalt, einen Indianerhäuptling, ich wünschte mir Reste von Rasierschaum im Waschbecken und ein Pfeifen auf der Treppe. Ich wollte Hosen, die an den Aufschlägen am Kleiderbügel hingen. Ich wünschte mir Kleingeld, das in einer Hosentasche klimperte, und Eiswürfel in einem Cocktailglas abends um halb sechs. Ich wollte meine Mutter hinter einer verschlossenen Tür lachen hören."
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Candy - Kevin Brooks.
Eine Geschichte über die realistischsten Dinge im Leben - Liebe, Verzweiflung, Abgründe - doch leider wird sie nur realitätsfern erzählt. Klappentext Candy fesselt Joe vom allerersten Moment an - ihr Lächeln, ihre Haut, ihre Augen. Er weiß sehr wohl, dass er dieses Mädchen ganz schnell vergessen sollte, denn seine Liebe hat kaum eine Chance und jeder weitere Schritt ist gefährlich: Candy ist heroinabhängig, sie geht auf den Strich und ihr brutaler Zuhälter hat Joe unmissverständlich klargemacht, was passiert, wenn er sie wiedersieht. Trotzdem schreibt Joe einen Song für Candy und trifft sich mit ihr - bis sich die Dinge so zuspitzen, dass Joe und Candy durch halb England fliehen müssen. Der Autor Kevin Brooks wurde 1959 geboren und studierte in Birmingham und London. Sein Geld verdiente der Autor mit Gelegenheitsjobs, als er als Gitarrist und Songwriter in einer Punkrockband tätig war. Seit dem überwältigenden Erfolg seines Debütromans Martyn Pig arbeitet er als freier Schriftsteller. Candy wurde mit dem Stockport Children's Book Award ausgezeichnet. Persönlicher Eindruck Ich weiß noch, dass bei mir als Jugendlicher Candy ganz weit oben auf dem Wunschzettel der Bücher stand, die ich noch unbedingt lesen wollte. Vielleicht hätte ich es tun sollen und das Buch hätte mich damals mehr mitreißen können, als es das heute getan hat. Bereits der Plot war ein wenig angestaubt: Junge aus gutem Hause trifft Mädchen aus der Gosse. Er verliebt sich in sie, will sie daraus retten. Dabei handelt er überstürzt und ohne nachzudenken. Was auf das erste Hören süß, ja fast ein wenig romantisch klingt, hat mich beim Lesen eher gelangweilt. Joe ist ein Protagonist, der sein Tun nicht reflektiert. Bevor er über den nächsten Schritt auch nur kurz nachgedacht hat, ist er die zehn vorangegangenen bereits gestolpert, so sehr hat ihn Candy geblendet (das Mädchen, dem er nur ein einziges Mal einen Doughnut und eine Cola mit tonnenweise Eis bei McDonald's ausgegeben hat). Dies lässt den Eindruck entstehen, die ganze Geschichte wäre allzu konstruiert, realitätsfern, könnte sich im wahren Leben zumindest niemals so abspielen. Auch in Brooks' Sprache spiegelte sich das wider: Ich hatte oft das Gefühl, dass er mit seinen Worten einfach nichts sagte. Ich wusste nicht, ob ich damit fertig würde, und ich wusste nicht mal, ob ich es versuchen wollte. Aber es spielte keine Rolle, ob ich es wollte. Nichts spielte eine Rolle. Es war einfach da. Egal was es war, es würde geschehen. Genau wie vorher, als ich in meinem Innern gewusst hatte, dass ich im Black Room sein würde, komme, was wolle ... Es war da. So unvermeidlich, wie die Nacht dem Tag folgt. Es konnte gar nicht anders sein. Sätze und Gedanken, die zwar Lücken füllten, für mich aber ohne Inhalt blieben. Und so wie sie ohne Inhalt blieben, so gesichterlos erschienen mir auch die Charaktere in ihrer Oberflächlichkeit und Schlichtheit oft: Candy war nur schön, nur heroinabhängig, nur verzweifelt. Joe war nur naiv, nur verängstigt, nur in sie verliebt. Joes Schwester Gina war nur gut, Candys Zuhälter Iggy nur böse. Das war's. Keine Abstufungen zwischen den Charakteren, keine Graustufen, nur Bilder in Schwarzweiß. Die Protagonisten blieben einem fremd, denn sie wirkten auf mich nie echt, nie lebendig. Die einzige Stelle, an der der Roman für mich an Authentizität gewann, war Candys Drogenentzug im Cottage von Joes Vater. Hier wirkten beide plötzlich lebendig und Candys körperliches, psychisches und emotionales Kranksein ohne ihr Heroin gab der Geschichte die Echtheit, die sie verlangte (vielleicht ein wenig abgesehen von der Tatsache, dass eine ausgebildete Krankenschwester ihren kleinen Bruder mit einem drogenabhängigen Mädchen in einen einsamen Wald ziehen ließ). Der blutige Showdown, in dem Candy schließlich endete, nahm dieses Stück Realität aber schnell wieder mit sich. Das Ende wirkte konstruiert - und das nicht mal besonders gut. Zum Schluss möchte ich sagen, dass es sich bei Candy um einen Roman handelt. Ein Roman, das ist laut Definition "die Langform der schriftlich fixierten Erzählung. Fiktionalität wird oft als Definitionskriterium genannt." Und genau diesen Effekt hatte Candy auf mich: Bei all den realistischen Pfeilern, auf denen die Geschichte sich stützte, blieb sie für mich stets irreal, fiktional, nicht echt - und deswegen auch nicht überzeugend. /
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