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Lotta Wundertüte - Sandra Roth.

Mein herzlicher Dank gilt vorablesen, die mir durch ein Leseexemplar dieses so wundervollen Buches eine Rezension erst ermöglicht haben.

Klappentext

Lotta - drei Jahre alt, ein Schmoller, ein Schlawiner, blond, zickig, zäh, süß - und schwerbehindert. Wie lebt es sich mit so einem Kind?

"Die macht nichts kaputt", sagt Lottas Bruder Ben, zwei Jahre älter. "Und sie erzählt meine Geheimnisse nicht weiter."

"Ihr Armen", sagen andere auf dem Spielplatz. "Hat der Arzt nicht aufgepasst?"

"Wir packen das", sagen sich Lottas Eltern. "Nur wie?"

Ein ehrlicher Bericht über Familie, Mut, Leiden und Lachen - und die Frage: Was zählt im Leben?


Die Autorin

Sandra Roth, geboren 1977, studierte Politikwissenschaften und Medienberatung in Bonn, Berlin und den USA. Nach ihrem Diplom absolvierte sie die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und arbeitet seitdem als freie Autorin, u. a. für Die Zeit, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Brigitte. Ihre Themen reichen von Wissenschaft und Bildung bis zu Kultur und Technik. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Köln. Lotta Wundertüte ist ihr erstes Buch.

Persönlicher Eindruck

Ich habe schon seit längerer Zeit kein Buch mehr gelesen, von dem ich mir sicher war, dass meine Rezension diesem niemals gerecht werden könnte. Lotta Wundertüte war genau so ein Buch - echt und authentisch, erschreckend und beeindruckend, fröhlich und auf ganzer Linie wundervoll.

Was Sandra Roth in ihrem Debüt gibt, ist ein sehr intimer Einblick in das Innenleben ihrer kleinen Familie. Sie erzählt viel und wirft noch mehr Fragen auf - wichtige Fragen, über die es sich nachzudenken lohnt. Der Ton, den sie dabei wählt, hat oft etwas Leichtes, manchmal etwas Ironisches, ab und an etwas Bitteres und Verängstigtes, aber er ist immer mit sehr viel Liebe zum Detail gewählt. Schwarzweiß ist das Leben seit Lotta nur noch selten und Antworten auf die Fragen, die das Leben und die Autorin aufwerfen, sind oft ebenso bunt und komplex wie der Inhalt einer Wundertüte. Wie Lotta selbst eben.

Die Themen in diesem Glanzstück von Literatur reichen von Wut über Angst, von Schuld über Stolz und von wertvollen Freunden bis hin zu taktlosen Mitmenschen, bis sie schließlich alle irgendwann bei der Liebe landen, die eine Familie in ihrem Kern zusammenhält. Und das niemals trotz oder obwohl einer Behinderung, sondern einfach weil Lotta die Tochter und kleine Schwester ist, die sie ist, in all ihrer Komplexität. Sandra Roth zeigt auf, dass noch niemand von uns einen universellen Vertrag über Gerechtigkeit und Unrecht unterschrieben hat:

"An diesem Abend beginnen wir mit dem Schicksal zu verhandeln. Lass uns das Reden, das Verstehen, den Rollstuhl können wir akzeptieren, aber lass uns ein Lächeln. Wir erstellen eine Hierarchie dessen, was wir uns für unsere Tochter wünschen. Wir versuchen, unsere Ansprüche nach unten zu schrauben. Die Verhandlungen werden sich über die nächsten Jahre ziehen."

Ein Buch, das es mir als Rezensentin sehr schwer gemacht hat, es in nur wenige Worte zu fassen. Stattdessen möchte ich es nehmen und so vielen Menschen wie nur möglich in die Hand drücken, damit es immer und immer und immer wieder gelesen wird.

merveille am 27.8.13 23:17


Ich & Monsieur Roger - Marie-Renée Lavoie.

Mein herzlicher Dank gilt vorablesen, die mir durch ein Leseexemplar dieses so wunderlichen Buches eine Rezension erst ermöglicht haben.

Klappentext

Hélène ist klein, zart, acht Jahre alt, nennt sich Joe und behauptet, zehn zu sein, damit sie den Job als Zeitungsausträgerin bekommt. Umgeben von drei Schwestern, einem Vater, der das Leben nur als melancholisch friedlicher Trinker erträgt, und einer Mutter, die sich mit drakonischer Strenge panzert, ist Joe manchmal etwas einsam, ganz wie Roger, der plötzlich im Garten des Nachbarhauses steht und flucht. Roger ist 80, ein begnadeter Grantler, dessen Flüche mit jeder Flasche Bier phantastischer werden. Beide, die gescheite Joe und der nörgelnde Roger, haben einen sehr präzisen Blick auf die Welt und schenken einander nichts.

Wie Joe den erklärt lebensmüden Roger ins Leben zurückholt und er zum Schutzpatron dieses seismographisch empfindsamen Mädchens wird, das sich mit großer Entschlossenheit in ihrem nicht immer einfachen Leben behauptet, ist wunderbar beschrieben.


Die Autorin

Marie-Renée Lavoie wurde 1974 in Québec-Stadt geboren. Sie unterrichtet Literatur am Collège de Maisonneuve in Montréal. Für ihren Debütroman wurde sie mit dem Prix Archambault ausgezeichnet.

Persönlicher Eindruck

Ich & Monsieur Roger war, um es mit einem Wort treffend zu beschreiben, vor allem ein sehr wunderliches Buch. Immer ein bisschen komisch, immer ein bisschen traurig, immer voller ausgefallener Beschreibungen für noch ausgefallenere und doch sehr lebensnahe Situationen. Immer voller sehr kreativer Flüche.

Hélène und Roger waren überaus liebenswerte Protagonisten, wenn auch Hélène einem als Erzählerin der Geschichte ein bisschen mehr ans Herz gewachsen ist. Die kleine Heldin spricht, denkt und agiert in keinem Moment, wie es für ihre zu Beginn der Geschichte acht Jahre angemessen gewesen wäre. Sie ist viel pfiffiger, viel erwachsener. Ich finde nicht unbedingt, dass das der Erzählung zum Nachteil gerät, ganz im Gegenteil:

Das macht sie aus, das macht Hélènes Wesen aus. Und wäre sie ihre tatsächlichen acht Jahre alt gewesen, hätte sie sich wohl nie so gut und frech mit dem immer fluchenden Roger anfreunden können, und ich als Leserin wäre um einige sehr schöne Gedanken gebracht worden. So stirbt beispielsweise in einer Szene eine Kundin unserer kleinen Protagonistin und der plötzlich Einzug haltende Tod in der nicht mehr ganz unversehrten Kinderwelt rüttelt dann doch an ihr. Aber Hélène, ganz träumende Realistin, fängt sich schnell wieder, indem sie sich selbst und die Zeitung, die sie ausliefert, in das große Ganze eines riesigen Universums einfügt:

"Demnach dachte ich, ihr Zeitungsabonnement wäre, im Gegensatz zu dem, was man mich glauben machen wollte, Teil eines fein ausgeklügelten Plans: Vielleicht war ich ein Mittel gewesen, um Woche für Woche ihr Verschwinden hinauszuzögern.
Und das war doch eine schöne Rolle."


Gedanken wie diese waren es, die ich an der Geschichte und ihrer Helden am liebsten mochte - ein wenig traurig, ein wenig glücklich, sehr melancholisch, aber vor allen Dingen lebensbejahend. Marie-Renée Lavoie hat keinen Roman über das Leben geschrieben, sondern einen aus seiner Mitte heraus, und hat dafür einem kleinen, ganz besonderen Mädchen ihre Stimme geliehen, die sich ihre und dabei sehr kluge Gedanken über Freundschaft, Träume, Lebensziele und Entwürfe und die Suche nach dem Glück macht. Das ist ihr auf eine manchmal verwirrende, aber humor- und liebevolle Weise gelungen.

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merveille am 9.8.13 02:18


Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer - Alex Capus.

Mein herzlicher Dank gilt vorablesen, die mir durch ein Leseexemplar dieses Buches eine Rezension erst ermöglicht haben.

Klappentext

Felix, Laura und Emile:

Ein Jüngling träumt vom Weltfrieden und wird zum Bombenbauer. Ein Mädchen will Sängerin werden und endet als Spionin. Ein Kunststudent geht nach Troja und wird zum größten Fälscher aller Zeiten. Drei Helden wider Willen, die in ihren Niederlagen triumphieren und auf Abwegen das Glück finden.

Nur einmal können die drei einander begegnet sein: im November 1924 am Hauptbahnhof Zürich, wo die Geschichte einsetzt. Danach führen ihre Wege auseinander und bleiben doch auf eigentümliche Weise miteinander verbunden.


Der Autor

Alex Capus wurde 1961 in der Normandie geboren und lebt heute in Olten. 1994 veröffentlichte er seinen ersten Roman Munzinger Pascha, dem seither fünfzehn weitere Bücher folgten, unter anderem Léon und Louise.

Persönlicher Eindruck

In seinem neuesten Buch verwebt Alex Capus drei Lebensgeschichten miteinander:

Die der eigensinnigen Laura d'Oriano, die als älteste Tochter einer Sängerin und eines Pianisten ihrer Mutter nacheifern und doch alles viel besser machen will als diese.

Die des pazifistischen Physikers Felix Bloch, der sich der Kriegsmaschinerie entziehen will und schließlich eine tragende Rolle beim Bau der Atombombe spielen soll.

Und die von Emile Gilliéron, die eigentlich die Geschichte seines Vaters ist, der als junger Mann der Enge des Dorflebens entflohen war und mit seinem Talent der größte Kunstfälscher seiner Zeit werden sollte.

Ich habe mir vom neuen Capus sehr viel erhofft, denn als damals Léon und Louise erschien, hatte ich mich schnell und hoffnungslos in den Stil und die Geschichte des Franzosen verliebt. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer weit hinter diesen Erwartungen zurückgeblieben ist, aber dennoch fesselte mich das Buch nicht in der gleichen Weise wie sein Vorgänger. Vielleicht, weil es schwerer wog. Vielleicht, weil ich mich von dem Versprechen und doch bleiben ihre Wege auf eigentümliche Weise miteinander verbunden habe irreführen lassen. Vielleicht auch, weil die Liebesgeschichte in Léon und Louise die Charaktere hat lebendiger und markanter erscheinen lassen als bei diesem Buch. Jedenfalls war es für mich ohne Frage gut, aber kein ganz so großer Wurf, wie ich erwartet hatte.

Worin Capus aber nach wie vor brilliert, ist seine Recherchearbeit. Nur jemand, der darin so meisterhaft ist wie er, kann später in einer Geschichte die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion so verwischen, dass sie fließend ineinander übergehen, dass Figuren der Geschichte zu Helden des Romans werden. Er ist ein Meister der Es könnte gut sein, dass-Sätze und der Es ist möglich, vielleicht-Gedanken, die den Charme der Geschichte ausgemacht haben. Man stellt sich diese möglichen Wendungen gerne vor und wünscht sich, dass die Protagonisten einander wahrgenommen haben, wenn sie einander doch vielleicht nie begegnet sind. Und auch, wenn mir letztlich die drei Biografien am Ende zu wenig zusammenliefen, so verfolgte Capus doch immer einen roten Faden durch die Erzählung ihrer drei Leben hindurch.

Dass mir letztlich alle drei Protagonisten ein wenig fremd und fern blieben, lag sicher auch an ihren Spezialgebieten. Die Physik Felix Blochs und das Einsatzfeld Emile Gilliérons als Kunstfälscher waren voller Begriffe, die ich noch nie gehört oder bereits in der Schule nicht verstanden habe. Dennoch reichte meine Fantasie und Capus' leicht ironischer Erzählton aus, um auch diese beiden Felder in ihrer Bedeutung in das große Ganze einfügen zu können, das in den 1930er Jahren und darüber hinaus nicht nur die Protagonisten, sondern Menschen auf der ganzen Welt prägte und beeinflusste. Schon eher identifizieren konnte ich mich da mit der verträumten Laura und ihrer Stärke, Entscheidungen zu treffen.

Letztendlich hat Capus mit seinem neuesten Buch ein faszinierendes Werk veröffentlicht. Zwar eines, das mir zu schnell erzählt und doch zu fern erschien, aber dennoch eines, das erahnen lässt, wie groß die Helden waren, von denen es berichtet.

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merveille am 26.7.13 14:09


Shotgun Lovesongs - Nickolas Butler.

Mein herzlicher Dank gilt vorablesen, die mir durch ein Leseexemplar dieses wundervollen Buches eine Rezension erst ermöglicht haben.

Klappentext

Little Wing im Norden Wisconsins. Henry und Beth sind schon seit der Schule ein Paar und haben ihren Heimatort nie verlassen. Sie kämpfen um ihre Farm und unterstützen ihren Freund Ronny, der nach einem schweren Unfall vom Rodeo-Star zum Alkoholiker wurde. Kip war als Rohstoffmakler in Chicago erfolgreich. Nach seiner Hochzeit will er in seiner alten Heimat neu beginnen, findet dort aber nur schwer Halt. Lee hat ein Album aufgenommen - "Shotgun Lovesongs" - und wurde damit zu einem international gefeierten Star. Auch ihn zieht es zurück nach Little Wing, zu seinem besten Freund Henry und dessen Frau Beth, mit der ihn mehr als eine Freundschaft verbindet. In einem unvorsichtigen Moment setzt er alles aufs Spiel.

Der Autor

Nickolas Butler wurde 1979 in Allentown, Pennsylvania, geboren und wuchs in Eau Claire, Wisconsin, auf. Er studierte an der University of Wisconsin, ist verheiratet und hat 2 Kinder.

Persönlicher Eindruck

Shotgun Lovesongs erzählt die Geschichte von fünf Freunden in Little Wing, einer Kleinstadt im Norden Wisconsins. Dabei wechselt die Erzählperspektive im Laufe des Romans und jeder von ihnen kommt zu Wort:

Henry und Beth, die sich noch aus ihren Kindertagen kennen und früh heirateten. Sie sind eines jener Paare, von denen die Leute schon von Anfang an sagten, dass sie dafür bestimmt waren, einander zu lieben, Kinder zu bekommen und ihr Leben lang zusammen zu bleiben.

Lee, dem der Romantitel und der Soundtrack des Buches zu verdanken sind. In einer dunklen Zeit seiner jungen Jahre und an einem Punkt, den er für den Nullpunkt hielt, nahm er das Album Shotgun Lovesongs auf und besang darin Little Wing, die Flüsse und Wälder und Ackerlandschaften und Bewohner. Das Album sollte ihn reich und einsam machen. Wenn du in einer Großstadt die Tür offen stehen lässt, dann sind, wenn du aufwachst, deine Möbel und Kleider weg. Wenn du hier die Türe offen stehen lässt, kommt ein Kojote herein und will etwas zu essen von dir.
Hier ist mein Zuhause. Hier ist der Ort, der als Erstes an mich geglaubt hat. Der immer noch an mich glaubt. Dies ist der Ort, der die Lieder meines ersten Albums hervorgebracht hat.
(S. 191)

Kip, der als erfolgreicher Geschäftsmann nach Little Wing zurückkommt und Gefahr läuft, dort zu scheitern.

Und Ronny, den ein Unfall und der Alkohol irgendwann aus der Bahn geworfen haben. Er war mir der liebste der Charaktere und Lees bester Freund. Ronny hatte in seiner Wohnung zahllose Poster von Lee hängen, und das schon lange vor dem Unfall und der Operation. Die meisten waren vom Sonnenlicht bereits ein wenig ausgeblichen und von den Küchendämpfen ganz fettig geworden. Sie hatten diese schäbigen Wände geschmückt, lange bevor Lee berühmt geworden war. Ronny hatte ihn von uns immer schon am meisten geliebt. (s. 21)

Nickolas Butler ist mit Shotgun Lovesongs nicht nur eine wundervolle Geschichte gelungen, sondern auch der ganz große Wurf. Es ist das beste Buch, das ich seit langem und vielleicht auch jemals gelesen habe. Butler ist es gelungen, auf jeder einzelnen Seite Bilder zu erschaffen, die gewaltig waren. Er war wortgewandt in seiner Sprache, er war authentisch in seiner Geschichte und seinen Protagonisten. Ich verstand in jedem Moment, was jeden einzelnen von ihnen antrieb, was sie bewegte und wofür sie brannten - und das taten sie immer. Ich hatte das Gefühl, in ihren dunklen Stunden neben ihnen zu sitzen, am Fluss vielleicht oder auf der Spitze der Mühle, wenn die Sonne aufging. Und waren sie glücklich, so teilten sie auch das mit mir. Ich konnte mir vorstellen, wie schön Beth an ihrer Hochzeit aussah und wie sie strahlte. Ich konnte mir vorstellen, wie sich Ronny verliebte - glücklich verliebte. Ich konnte den Klang von Lees Songs hören. Alles war echt, alles war nah, alles war gewaltig. Vielleicht lag es an den Themen, die Butler für seinen Roman gewählt hatte:

Es geht darin auch um Liebe, aber nicht nur. Er erzählt viel von Heimat und dem Ort, mit dem man verwurzelt ist. Nicht unbedingt, weil man seine Straßen und Flüsse blind kennt, sondern vor allem, weil dort die Menschen warten, mit denen wir Kindheit und Jugend und das Erwachsenwerden teilten. Butler erzählt viel von Freundschaft - von echter, aufrichtiger, jahrelanger Freundschaft. Er erzählt von Treue, manchmal auch von Verrat. Und ich glaube, damit hat er all die Dinge in einer Geschichte vereint, die den Menschen wirklich antreiben.

Vor allem glaube ich aber, dass er damit den Nerv der Zeit getroffen hat - einer Zeit, die schnelllebig und flüchtig ist. Einer Zeit, in der Beziehungen und Freundschaften an Alltag und Entfernung scheitern. Da hatte es etwas sehr Beruhigendes von einer Kleinstadt irgendwo im Nirgendwo Amerikas zu lesen, wo Menschen noch ihr Ackerland bestellen, in die sie zurückkehren, wo sie Freunde aus Kindertagen heiraten und das wertschätzen, was ihnen als Geburtsrecht gegeben wurde - eine Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Die Menschen in Nickolas Butlers Geschichte kämpfen für diese Dinge, denn sie kennen ihren Wert.

Ich hätte Shotgun Lovesongs gerne noch weitergelesen und seine Protagonisten begleitet. Sie waren wundervoll und wo auch immer sie jetzt sind - noch immer in Little Wing oder im Großstadtlärm New Yorks oder Chicagos - ich wünsche ihnen, dass sie dort ihr Glück finden werden.

merveille am 11.7.13 19:37


Der Himmel ist ein Fluss - Anna Kaleri.

Mein herzlicher Dank gilt vorablesen, die mir durch ein Leseexemplar dieser Geschichte eine Rezension erst ermöglicht haben.

Klappentext

Minna ist eine junge masurische Landarbeiterin, die den anderen hochmütig erscheint, weil sie davon träumt, der Enge des Dorflebens zu entkommen. Eines Tages, noch vor dem Krieg, lernt sie auf einem ihrer Streifzüge durch die Wälder den Vogelkundler Gwidon kennen. Er ist polnisch, katholisch und verheiratet. Trotzdem üben die beiden aufeinander eine immer stärker werdende Faszination aus. Um dauerhaft in seiner Nähe zu sein, zieht Minna schließlich nach Allenstein, wo Gwidon lebt, und nimmt dort eine Stelle als Kindermädchen an. Wieder beginnen die beiden, sich heimlich zu treffen: in verlassenen Gärten am wilden Ufer der Alle. Sie begeben sich dabei in große Gefahr, denn die Liebe zwischen einer Deutschen und einem Polen ist zu diesen Zeiten unmöglich ...

Die Autorin

Anna Kaleri wurde 1974 im Ostharz geboren, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und lebt dort heute als freie Autorin und Journalistin mit ihrer Familie. Der Himmel ist ein Fluss ist ihr drittes Buch.

Persönlicher Eindruck

Anna Kaleris Geschichte um Minna, die junge Landarbeiterin aus Masuren, und Gwidon, den sanften Vogelkundler aus der Stadt, hatte in ihren Grundzügen schon das Potenzial, berührend zu werden. Gelungen ist es ihr in meinen Augen nicht.

Schon von Anfang an fand ich nur schwer Zugang zu der Geschichte und der Sprache, in der sie erzählt wurde. Anna Kaleri verlor sich seitenweise in der Beschreibung der Natur und Ruhe Masurens, was mich schnell zu langweilen drohte. Bisher bin ich nur auf einen Autor gestoßen, dem dies in einer Weise gelang, die nicht einschläfernd wirkte - und das war Ian McEwan mit seiner Abbitte. Kaleri verkaufte ihre Naturverbundenheit nicht ganz so überzeugend, genauso wie auch ihre Protagonisten:

Minna und Gwidon blieben mir die ganze Zeit über fremd. Sie waren nicht markant genug, nicht stark genug in ihrer Rolle als Protagonist und Protagonistin. Ja, ihre Liebe war in diesen dunklen Zeiten verboten. Ja, sie hielten dennoch aneinander fest. Ja, es gab tragische Momente in den 200 Seiten der Geschichte - dennoch berührte sie mich an kaum einer Stelle so sehr, dass ich mitgefiebert hätte. Nur einmal spürte ich so etwas wie emotionale Verbundenheit zu ihrer Geschichte und das war, als ein älterer, vom Krieg gezeichneter Mann aus dem Dorf Minna eine Kuh schenkte, nachdem sie wieder heimgekehrt war. Als sie nach dem Preis für diese fragte, hielt er kurz inne und sagte mehr zu sich selbst als zu ihr, er sei ihrem Vater noch einen Gefallen schuldig. Dieser wäre ein ehrenhafter, tüchtiger Mann gewesen, der ihm damals beim Bau seiner Scheune geholfen habe. Dann schwieg er und zum ersten Mal im Laufe des Buches - diese Unterhaltung ereignete sich schon fast an seinem Ende - berührte mich ein Dialog sehr.

Insgesamt fehlte es mir in dem Roman an menschlicher Nähe und Herz. Dabei hätte er diese beiden Dinge, ist er doch so eng mit der Familiengeschichte Anna Kaleris verbunden, wie von selbst haben müssen.

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merveille am 1.7.13 20:50


Die verlorene Ehre der Katharina Blum - Heinrich Böll.

Eine wundervolle, aufwühlende und starke Erzählung darüber, wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann.

Klappentext

Am Vorabend von Weiberfastnacht verlässt eine junge Frau von siebenundzwanzig Jahren gegen 18.45 Uhr ihre Wohnung, um an einem privaten Tanzvergnügen teilzunehmen. Vier Tage später klingelt sie an der Wohnungstür des Kriminaloberkommissars Walter Moeding und gibt zu Protokoll, sie habe mittags gegen 12.15 Uhr in ihrer Wohnung den Journalisten Werner Tötges erschossen ...

Der Autor

Heinrich Böll, geboren am 21. Dezember 1917 in Köln, war nach dem Abitur Lehrling im Buchhandel. Danach Studium der Germanistik. Im Krieg sechs Jahre Soldat. Seit 1947 veröffentlichte er Erzählungen, Romane, Hör- und Fernsehspiele, Theaterstücke und war auch als Übersetzer aus dem Englischen tätig. 1972 erhielt Böll den Nobelpreis für Literatur für sein Gesamtwerk.

Er starb am 16. Juli 1985 in Langenbroich / Eifel.

Persönlicher Eindruck

"Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der BILD-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich."

Damit beginnt Heinrich Böll seine Erzählung über die Haushaltsgehilfin Katharina Blum. Die junge Frau ist 27 Jahre alt, schön, fleißig und zielstrebig. Zudem vereint sie, wie eine Freundin einst über sie sagte, zwei lebensgefährliche Eigenschaften: Treue und Stolz. Als sie sich auf einem Ball Hals über Kopf in Ludwig Götten verliebt, einen gesuchten Banditen, gerät sie zwischen die Mühlensteine von Justiz und Boulevardpresse. Vier Tage später erschießt sie den dafür verantwortlichen Journalisten in ihrer Wohnung.

Was dazwischen geschieht, berichtet Böll nüchtern und immer mal wieder mithilfe von Rückblenden. Seine Erzählung lebt wenig von Überraschungseffekten und Spannung, dafür umso mehr vom Schrecken, der den sachlichen Stil in der Form eines Berichtes begleitet. Ich war vom ersten Moment an vollkommen gefangen in der dichten Atmosphäre, die er um Katharina und die Menschen, die ihr nahe standen, herum kreiert hat. Ich spürte förmlich, wie das Geschehen sich auf die Eskalation zubewegte und wann der Punkt erreicht und überschritten war, an dem das, was Böll vorwegnimmt, nicht mehr abzuwenden war.

Das Buch gab Gedankenanstöße, die ich heute für aktueller denn je halte - und dabei erschien Die verlorene Ehre der Katharina Blum bereits 1976 in seiner Erstausgabe:

Was ist uns die persönliche Sphäre eines Menschen wert? Entlang welcher ethischer Grundlinien handelt die Presse? Kann Sensation mehr wiegen als Privatsphäre? Welche Spuren hinterlassen Verleumdung, Gerüchte und Sensationsgeilheit in der Seele? Wer glaubt dem gedruckte Wort und wo erscheint es? Und was treibt den Menschen in seinen Handlungen an?

Interessant war auch, wie dem Nachwort Bölls zu entnehmen war, die Reaktion der BILD-Zeitung auf seine Erzählung, die sich schnell den Vorwürfen stellen musste, ein Pamphlet zu sein und den Terrorismus zu verherrlichen:

Sie nahmen einfach die wöchentliche Bestseller-Liste aus ihrer Zeitung, denn Die verlorene Ehre der Katharina Blum wäre darin aufgeführt gewesen. Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig und brandaktuell wäre.

Letztendlich war diese Erzählung Bölls sehr beeindruckend. Ein Buch, das es wert ist, auch heute noch immer und immer wieder gelesen zu werden - überall auf der Welt, wenn man nur in die Nachrichten schaut.

merveille am 20.6.13 18:30


84, Charing Cross Road - Helene Hanff.

Eine Freundschaft in Briefen.

Klappentext

Eine Hymne auf die Literatur und auf die Freundschaft ist der Briefwechsel zwischen der klugen, schlagfertigen New Yorkerin Helene Hanff und dem liebenswerten Londoner Buchhändler Frank Doel.

Durch Zufall stößt die Bühnenschriftstellerin Ende der vierziger Jahre auf die Adresse der Buchhandlung Marks & Co. Eine neue Quelle für schwer aufzutreibende Bücher? Die Autorin greift zur Feder, ohne zu ahnen, dass ihre Zeilen der Beginn einer jahrzehntelangen Brieffreundschaft sind. Zunächst ist die Korrespondenz zwischen ihr und dem Londoner Buchhändler allein von der gemeinsamen Leidenschaft für Bücher geprägt. Doch mit der Zeit werden die Briefe persönlicher, und schließlich erreichen sie eine Vertrautheit, wie man sie sonst nur zwischen wirklich guten Freunden findet.

Mit ihrem ergreifenden Buch "84, Charing Cross Road", das 1970 erstmals in Amerika erschien, hat Helene Hanff dieser außergewöhnlichen Beziehung ein Denkmal gesetzt.


Die Autorin

Helene Hanff war eine amerikanische Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Der Durchbruch gelang ihr mit 84, Charing Cross Road, das 1986 sogar mit Anne Bancroft und Anthony Hopkins in den Hauptrollen verfilmt wurde.

Helene Hanff verstarb 1997 in New York.

Persönlicher Eindruck

84, Charing Cross Road ist ein kleines Büchlein, das schnell ausgelesen war; auch durch die Briefform, in der es gehalten wurde. Und dennoch hinterließ es in mir den tiefen Eindruck von Zärtlichkeit.

Helene Hanff und Frank Doel lernen sich durch einen Zufall kennen und ihre Liebe zu Büchern verbindet sie schnell. Als Helene von den Rationierungen im England der Nachkriegsjahre hört, beginnt sie, Lebensmittelpakete nach London zu schicken. Durch die Dankbarkeit der Empfänger lernt sie schnell auch die anderen Mitarbeiter des kleinen, familiären Verlags kennen, doch Frank bleibt stets ihr erster Ansprechpartner und engster Freund. Und so hinterließ es in mir als Leserin eine Traurigkeit, die sich leise angeschlichen hatte, als der Briefkontakt der beiden nach Jahrzehnten so plötzlich abbrach.

Die Stärke des Briefwechsels lag für mich vor allem in den Emotionen, die er ganz subtil vermittelte. Frank und Helene wurden eigentlich nie zu persönlich, zu eng oder vertraut, aber dennoch war ihre Korrespondenz von einem großen Respekt und einer freundschaftlichen Zuneigung füreinander geprägt. Dabei war Frank eher der Ruhige und Sortierte, Helene eher eine Person voller Ironie, Witz und oft auch Empörung und Frustration über die Tücken ihrer Zeit. Ich muss zugeben, oft war ihr Humor für mich auch etwas zwiespältig. Das eine Mal konnte ich herzhaft mit ihr lachen, während ich sie das andere Mal nicht verstand in ihrer Wortwahl und starken Emotion.

Schade fand ich auch, dass ich von den Werken, über die die beiden sich austauschten, nur Wenige kannte. Jane Austens Stolz und Vorurteil war eines dieser Wenigen, dabei gehörte es da eigentlich noch nicht einmal dazu, denn Helene lehnte Romane kategorisch ab. Sie interessierte sich nicht für erfundene Geschichten, die erfundenen Menschen nie passiert waren.

Das Wunderschöne an diesem Büchlein ist, dass seine Briefe niemals unter dem Gedanken geschrieben worden sind, für die breite Masse veröffentlicht zu werden. Das merkt man und das macht es so unglaublich liebenswert. Zudem schreiben Helene und Frank sehr bildlich und so habe ich mich während der 160 Seiten mehr als nur einmal in das kleine Antiquariat in der 84, Charing Cross Road gewünscht. Dass es einst ausgerechnet in London stand - einer Stadt, die ich dieses Jahr zum ersten Mal bereiste und in die ich mich hoffnungslos verliebt habe - war schließlich der Funke, der übersprang.

Es gibt Bücher, die es wert sind, von der Welt gelesen zu werden. 84, Charing Cross Road ist eines von ihnen.

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merveille am 20.6.13 00:31


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