untitled | yvi @ the vision
Aschenputtels letzter Tanz - Kathleen Weise.

Ein Thriller in sanft.

Klappentext

Grauer Nebel liegt über dem Moor, als Harpers Cousine Elsa überfallen wird. Ein Aschenputtelzitat - das ist die einzige Spur, die der Täter bei der jungen Tänzerin hinterlassen hat. Während die Polizei fieberhaft nach ihm fahndet, geht die Angst in dem kleinen Städtchen um. Nur Harper will nicht tatenlos abwarten. Sie beginnt Fragen zu stellen und schwebt bald selbst in Gefahr. Denn der Täter hat schon das nächste Opfer im Visier ...

Die Autorin

Kathleen Weise, geboren 1978, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und war viele Jahre ehrenamtlich als Mitarbeiterin des Literaturbüros Leipzig e. V. tätig, Schwerpunkt Jugendarbeit. Der erste Besuch als Kind in einem Moor ist ihr unvergessen geblieben, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich diese verwunschene, mystische Landschaft in einem ihrer Bücher findet.

Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Leipzig.

Persönlicher Eindruck

Aschenputtels letzter Tanz hatte wirklich etwas von einem dunklen Märchen:

Das Moor als Schauplatz entfaltete seine Wirkung und Anziehung, so greifbar wusste Kathleen Weise es zu beschreiben. Prinzessinnen und Schneewittchen, Feen und Monster waren ihre Protagonisten, wo Gut und Böse aufeinander trafen. Die Buchseiten selbst waren sehr liebevoll gestaltet, verschnörkelt und verziert, und auch die Moderne schlich sich in Form von Zeitungsausschnitten und abgedruckten Mails immer mal wieder in die Geschichte hinein.

Ich las Weises Buch gerne, aber ich bin wohl doch ein bisschen älter als die eigentlich angedachte Zielgruppe. Ich kam schnell hinter des Rätsels Lösung und war zwar angetan von der Düsternis des Moores, aber zu keinem Moment so gebannt, wie ich es von einem guten Thriller erwarte. Dies war eher die sanfte, abgewandelte Baby-Version eines solchen - für eine jüngere Zielgruppe ist das aber auch vollkommen legitim. Ich denke, dass Mädchen sich gut mit Harper, Elsa oder Nina identifizieren und für den schönen Tobi schwärmen können, wenn dessen graue Augen sich auf die Welt richten, auf der Suche nach Antworten auf längst gestellte Fragen und aufgeworfenen Geheimnisse. Für jemanden, der keine 15 mehr ist, verliert das Buch Jahr um Jahr seinen Reiz, denke ich.

Dennoch halte ich es für solide und in seinen Grundzügen schön.

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merveille am 2.6.13 19:32


Das Lächeln der Frauen - Nicolas Barreau.

Ein sanfter Roman über die Liebe und die Umwege, die sie gelegentlich nimmt.

Klappentext

Die Restaurantbesitzerin Aurélie hat Liebeskummer:

Von einem Tag auf den anderen wurde sie von ihrem Freund verlassen. Unglücklich streift sie durch Paris und stößt in einer Buchhandlung auf einen Roman, der gleich in den ersten Sätzen nicht nur ihr Lokal, sondern auch sie selbst beschreibt. Natürlich möchte Aurélie den Autor kennenlernen, doch der ist leider sehr menschenscheu, erzählt der Lektor des französischen Verlags. Aber Aurélie gibt nicht auf ...


Der Autor

Nicolas Barreau soll ein Pseudonym sein, deswegen sei an dieser Stelle wenig über den eigentlichen Autor - oder die Autorin? - dieses Buches gesagt.

Persönlicher Eindruck

Ich trat mit hohen Erwartungen an Das Lächeln der Frauen heran. Was der Roman hatte, waren durchaus sympathische Protagonisten:

Aurélie war eine Frau, mit der man sich identifizieren konnte. Man spürte ihren Kummer, als sie in eine leere Wohnung zurückkam und das einzige, was sie von ihrem Freund noch vorfand, ein Abschiedsbrief und ein vergessenes Pyjamaoberteil unter dem Kopfkissen waren. Man freute sich auf Treffen mit ihrer optimistischen, starken Freundin Bernadette. Man fand sich in ihrem Eifer wieder, mit dem sie nach dem Autor des Buches suchte, das ihr das Leben gerettet hatte, so sagte es sich zumindest Aurélie.

Auch André Chabanais, der auf Aurélie zunächst ein bisschen grob und unfreundlich wirkende Lektor der Éditions Opale, hatte seinen Reiz. Mehr als einmal musste ich über seinen doch eher schwarz angehauchten Humor schmunzeln, der sich konstant durch die Buchseiten zog. Ich mochte ihn mehr noch als Aurélie.

So hatte das Lächeln der Frauen durchaus seine Sternstunden. Die Nebencharaktere waren sehr liebevoll gezeichnet - beeindruckt hat mich hier vor allem die starke kleine Elisabeth Dinsmore, die Aurélie zufällig auf einem Friedhof kennenlernt (einer gestohlenen Gießkanne sei Dank!) und die vor Elan und Lebenslust auch mit über 80 nur so sprüht - doch dies war für mich auch die eigentliche Stärke des Buches, denn der Plot an sich begeisterte mich nur mäßig. Zwar spürte man zwischen den Zeilen die tiefe Liebe, die den Autor mit dem Schreiben und mehr noch mit der Stadt Paris verband, aber die ganzen Irrungen und Wirrungen der Geschichte und der Liebe waren dann doch etwas vorhersehbar und stereotyp. Sanft zu Frauenherzen, romantisch und wie im Bilderbuch, aber auf diese Weise auch ab und an langweilend. Dem Roman fehlte es stellenweise an Pepp, Aurélie nervte mich in ihrer verklärten Weltsicht mehr als einmal. Das macht das Buch nicht schlecht, im Gegenteil:

Ich las es gerne und ich verbrachte schöne Stunden damit. Aber ihm fehlten die Überraschungsmomente und die Knalleffekte, die das Leben zu dem machen, was es letztlich ist - echt.

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merveille am 29.5.13 16:55


Zeit der Gespenster - Jodi Picoult.

Ein wundervolles Buch, das die Geschichte von Liebe und den Geistern der Vergangenheit erzählt, die uns bis in die Gegenwart hinein heimsuchen.

Klappentext

Ross Wakeman war für alle nur ein riesengroßer Glückspilz. Wie viele Unfälle und Gefahren hatte er wie durch ein Wunder lebend überstanden. Und ebenso sicher, wie er wusste, dass morgen die Sonne aufgehen würde, wusste er inzwischen auch, dass er nicht sterben konnte - obwohl er sich nichts sehnlicher wünschte. Denn in einem tragischen Unfall hatte er seine geliebte Frau Aimee verloren. Nun hatte Ross nur ein Ziel, nämlich mit den Geistern der Toten Kontakt aufzunehmen, um endlich wieder mit Aimee sprechen zu können. Vielleicht schien Ross deshalb den Menschen im kleinen neuenglischen Comtosook der ideale Vertraute, wenn es darum ging, Geister aus ihren Häusern zu vertreiben. Einer von ihnen heißt Spencer Pike:

Auch er hofft auf Ross, denn er will auf einem indianischen Grundstück ein Bauprojekt realisieren - und stört damit die Ruhe der Geister auch seiner eigenen schauerlichen Vergangenheit.


Die Autorin

Jodi Picoult, geboren 1967 auf Long Island, New York, zog nach ihrem Studium in Princeton und Harvard die Schriftstellerkarriere einer akademischen Laufbahn vor.
1992 veröffentlichte sie ihren ersten Roman Songs of the Humpback Whale, der sofort zu einem großen Erfolg wurde.
Es folgten diverse Preise und Auszeichnungen. Heute lebt sie zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Hanover, New Hampshire.

Persönlicher Eindruck

Dies war nach Beim Leben meiner Schwester mein zweiter Roman von Jodi Picoult. Je mehr ich von ihr lese, desto mehr reißen ihre Geschichten mich mit.

Diese hier handelt von einem Geist, der durch seinen Spuk die Baupläne auf einem alten Grundstück durchkreuzt, das einst den Abenaki-Indianern gehörte. Dieser Geist, der keine Ruhe finden will, hält eine an Menge Veränderungen bereit für die Menschen im verschlafenen Comtosook, Vermont:

Mitten im August gefriert der Boden plötzlich zu Eis und es regnet Blütenblätter. Kaffeemaschinen kochen nur noch Limonade und ein Haus, das gestern abgerissen worden war, errichtet sich über Nacht wie von selbst wieder.

Ich war zunächst ein wenig skeptisch, denn ich bin keine große Bewunderin von Geistergeschichten. Aber Jodi Picoult verpackte ihren Roman in Facetten, die mich nicht mehr losließen. Er handelte von unserem Wesen, sich an Vergangenes zu klammern, und von Schwüren und Liebe und dem Verzeihen. Er erzählte davon, wie Tote, die wir einst liebten, sich noch heute durch unser Leben bewegen. Und er handelte von einem dunklen Kapitel amerikanischer Geschichte, das noch bis heute weitgehend verschleiert wird: der Eugenik. Dieser Aspekt der Geschichte - als Geschichte - fesselte mich am stärksten:

In den 1920er und 1930er Jahren gab es in Burlington im Staate Vermont ein Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hatte, Menschen mit degenerativen Veranlagungen zum Wohle der Wirtschaft daran zu hindern, ihre angeblich schlechten Gene an eine nächste Generation weiterzugeben. Die Verantwortlichen waren fortschrittlich denkende Wissenschaftler, Ärzte, Juristen und Universitätsprofessoren und sie hatten Visionen, wenn diese auch nur in ihre damaligen Verhältnisse passten. Das Ergebnis dieser Forschung war ein Sterilisationsgesetz, das 1931 verabschiedet und dessen Ausübung erst gestoppt wurde, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und so Fördergelder für das Projekt eingestellt wurden. Heute wird von Opfern und Tätern gleichermaßen über diese Zeit geschwiegen, der Staat Vermont hat sich nie für das Geschehene entschuldigt. Jodi Picoult sagte im an den Roman angehängten Interview, es sei wohl für beide Seiten zu schmerzhaft gewesen, Tatsachen von damals ans Licht zu bringen und öffentlich über sie zu sprechen.

Mich faszinierte dieses Thema im gleichen Maße, wie es mich anwiderte, denn ich halte es noch immer für aktueller denn je. Zwar hat sich das Gesicht dieser Forschungen gewandelt, aber Themen wie Pränataldiagnostik und Fragen wie Was ist ein lebenswertes Leben und wer entscheidet darüber? sind auch heute noch aktueller denn je. Picoult sagte, sie hätte mit Zeit der Gespenster den Gedanken durchspielen wollen, dass alle Dinge im Leben zurückkehren, um uns heimzusuchen - die Geschichte eingeschlossen. Ich halte diese Worte für sehr wahr und bin einmal mehr dafür sensibilisiert worden, welche Macht die Wissenschaft schon immer hatte und noch immer hat und wie fließend ihre Grenzen sind, wenn es darum geht, was Menschen für gut und richtig halten und wie sie entlang dieser Maximen handeln.

Darüber hinaus war der fiktive Teil von Zeit der Gespenster einfach nur eine wundervoll erzählte Geschichte. Die anfängliche Verwirrung, die die vielen Protagonisten mit sich brachten, löste sich nach und nach auf und fügte sich zu einem Gesamtbild zusammen - und ich liebe es, wenn Geschichten das tun. Diese hier tat es lückenlos und ich bin der Autorin als Leserin sehr dankbar für ihre gründliche Arbeit. Keine inhaltlichen Fragezeichen, die zurückbleiben. Keine Ungereimtheiten, nur Denkanstöße. Tiefgründige Protagonisten, die für mich Gesichter und Geschichten hatten. Und viele wundervolle Passagen und Zitate, die ich mir am liebsten alle angestrichen und herausgeschrieben hätte.

"Ob er will oder nicht, Menschen gehören einander. Sobald man für einen anderen ein Opfer gebracht hat, besitzt man einen Teil seiner Seele."

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merveille am 1.4.13 05:15


Roberts Schwester - Petra Hammesfahr.

Eine bedrückende, fast erdrückende Geschichte von Liebe Abhängigkeit.

Klappentext

Mia lebt mit ihrem Bruder in einem herrschaftlichen Haus. Vorbildlich kümmert sich Robert um seine Schwester, deren Karriere als Bildhauerin ein jähes Ende fand. Seit einem Autounfall, an dem Robert nicht unschuldig war, ist Mias Gesicht entstellt. Sobald Roberts Geliebte und zukünftige Ehefrau einzieht, kann die Schwester ihre Eifersucht kaum bändigen. Die Spannung zwischen den beiden Frauen wird unerträglich, und dann ist Robert tot.

Die Autorin

Petra Hammesfahr schrieb mit 17 ihren ersten Roman. Mit ihrem Buch Der stille Herr Genardy kam der große Erfolg, dem viele weitere folgen sollten. Die Autorin lebt in der Nähe von Köln.

Persönlicher Eindruck

Eigentlich erzählt dieses Buch seine Geschichte rückwärts. Es beginnt mit der Nachricht von Roberts Tod und dreht sich darum, was in der Mordnacht geschah und warum. Zu dumm, dass seiner Schwester Mia jegliche Erinnerung daran fehlt, wo sie in den letzten Stunden seines Lebens war und was sie getan hat, Alkohol und Tabletten sei Dank. Doch auch ohne klare Erinnerung daran - Bruchstücke kommen immer mal wieder schemenhaft zu ihr zurück - ist sich Mia sehr sicher, wer ihren geliebten Bruder tötete. Und sie ist besessen davon, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen.

Ich mochte an Roberts Schwester vor allem die Erzählperspektive, denn ich hielt sie für brillant:

Die Geschichte war aus Mias Sicht geschrieben, durchdrungen von ihren Gedanken, ihren Gefühlen, ihren diffusen Erinnerungen. Sie nimmt den Leser vollkommen für sich ein, doch es wird schnell klar, dass man weder ihr, noch ihren Gedankengängen vorbehaltlos glauben kann. Sie sind sprunghaft und extrem und sie pendeln stark. Es wird schnell klar, dass Mia krank ist, und die Ereignisse eng mit dem zusammenhängen, was sich in ihrer Psyche abspielt. Doch was damit die Erzählperspektive zum großen Coup der Autorin machte, war für mich auch der große Schwachpunkt des Romans. Ich war nicht glücklich damit, wie Mias Krankheit dargestellt wurde.

Sie als Protagonistin hatte mir allzu sehr etwas von der armen Irren, was kein zeitgemäßes Bild ihrer Krankheit mehr ist. Die Stimmen. Der erfahrene Therapeut mit Notizblock, Bleistift und Couch. Medikamente, die ruhigstellen sollen. Die Angst ihrer Mitmenschen, mit einer tickenden Zeitbombe unter einem Dach zu leben. Ihre Krankheit als Mordmotiv, wo ihr doch alles zuzutrauen wäre. Ich fand das allzu stereotyp und ungerechtfertigt, vielleicht bin ich im Rahmen der vergangenen Monate und meines Studiums aber auch nur ein wenig vorbelastet, was den politisch korrekten Umgang mit psychischen Erkrankungen betrifft. Petra Hammesfahrs Buch erschien in seiner Erstausgabe bereits vor 21 Jahren, seitdem hat sich in der Psychologie und Sozialen Arbeit viel getan, was Erkenntnisse und Leitbilder anbelangt.

Ich las das Buch an einem Tag aus und muss zugeben, die Wendungen zum Schluss hatten durchaus noch einen guten Überraschungseffekt. Dennoch konnte mich Roberts Schwester nicht vollkommen überzeugen. Zum einen fand ich Mias Gedankensprünge manchmal sehr anstrengend, wie sie sich von einem Verdacht zum nächsten hangelte, völlig besessen von der Liebe zu ihrem Bruder und dem Drang, seinen Tod aufklären zu müssen. Ich kam bei den vielen Theorien, wer denn nun wen ermordet oder betrogen hatte, nicht immer mit.

Zum anderen bin ich mit Petra Hammesfahrs Sprache nie so ganz warm geworden. Ich fand sie nicht schlecht, aber immer ein wenig bemüht, etwas angestaubt. Ich vermisste in ihr den Erzählfluss und fand nur selten Formulierungen, die ich mir gerne aufgeschrieben und gemerkt hätte, weil sie so wunderschön und brillant waren. Eine davon war aber diese, als Mia zum ersten Mal an Roberts Grab steht:

"Dort blieb ich ungefähr eine Stunde. Ich spürte gar nicht, wie die Zeit verging. Roberts Name auf dem Grabstein war ein Stück Ewigkeit, und dort hat Zeit keine Bedeutung mehr. Dort hat nichts eine Bedeutung."

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merveille am 27.3.13 01:53


Die Wahrheit über Alice - Rebecca James.

Eine eigentlich gute Geschichte, nur ein wenig zu durchsichtig, zu schnell ausgelesen.

Klappentext

Als Alice sie zu ihrer Geburtstagsparty einlädt, ist Katherine mehr als überrascht. Die schöne, strahlende Alice, das beliebteste Mädchen der Schule, will mit ihr feiern?

Dabei ist Katherine eine Einzelgängerin, die sich von allen fern hält, damit keiner ihr Geheimnis erfährt:

Niemand soll wissen, was mit Rachel, ihrer kleinen, talentierten Schwester, passiert ist. Vor Katherines Augen, die nichts tun konnte, um ihr zu helfen.

Katherine erlebt die Party wie im Rausch, Alice weicht nicht mehr von ihrer Seite. Doch nach und nach wird Alice immer merkwürdiger. Selbstsüchtiger. Grausamer. Bald entdeckt Katherine, dass ihre neue Freundin nach eigenen Regeln spielt …


Die Autorin

Rebecca James, geboren 1970, hatte beruflich nie viel Glück. Sie brach das Studium ab, arbeitete als Kellnerin, reiste um die Welt und ließ sich schließlich mit ihrem Mann in Armidale nördlich von Sydney, Australien, nieder. Dort bauten die beiden ein Küchengeschäft auf, Rebecca bekam vier Söhne und schrieb nebenbei.

An dem Tag, als das Familienunternehmen bankrott ging, bekam Rebecca ein Angebot für ihr erstes Buch. Inzwischen wurde Die Wahrheit über Alice weltweit in 36 Länder verkauft.

Persönlicher Eindruck

Ich liebe diese Geschichten um die böse beste Freundin sehr, denn ich mag die Gedanken, die sie aufwerfen:

Wie gut kennst du die Menschen, die deine Freunde sind, wirklich? Kennst du sie überhaupt und weißt du, was sie bewegt, was in ihrer Vergangenheit geschehen ist? Bist du dir wirklich sicher, was sie als Nächstes tun werden?

Nachdem ich bereits Die Besessene von Hayes und Antéchrista von Amélie Nothomb gelesen habe, die ein ähnliches Muster verfolgen, reizte mich Die Wahrheit über Alice schon länger. Letztlich war es eine nette Geschichte, spannend und interessant in ihren Grundzügen, konnte mich aber nicht vollkommen überzeugen. Das lag vor allem daran, dass ich das Gefühl hatte, die Autorin würde alle Facetten, die die Geschichte spannend machen könnten, irgendwann - eher früher als später - vorwegnehmen. Ich kam ziemlich schnell hinter Alice' Geheimnis und die Gründe für ihre Exzesse, ihr extremes Wesen, ihre Schwankungen, die Gefahr ihrer Person. Die Fährten waren schon ganz am Anfang der Geschichte verstreut, Geheimnisse wurden in der Sprache und den Worten der Protagonisten verraten. Das war schade und machte die Erzählung weniger komplex, als sie hätte sein können. Ich störte mich nicht an der sehr einfach gehaltenen Sprache, denn sie passte zu den Charakteren und dem Handlungsrahmen, aber ich hätte die guten Ansätze gerne ausgeschöpfter gesehen, die Geheimnisse länger bewahrt, die Momente des großen Knalls weiter nach hinten verschoben.

Die Handelnden selbst blieben für mich stets ein wenig blass, ein bisschen zu stereotyp. Vielleicht hatte ich auch einfach zu hohe Erwartungen an die Geschichte und wäre gerne noch von einem mir bereits vertrauten Erzählmuster überrascht worden. Alice war zwar unbeständig in ihren Handlungen, aber ich hätte mir den Verlauf ihrer Veränderung schleichender gewünscht, sie selbst noch extremer in noch mehr Situationen - das Buch ist vielleicht einfach nur ein Roman, kein Thriller. Katherine fand ich ganz gelungen, ich mochte den Kontrast zu der Person Katie Boydell, die sie einst war. Robbie war mir zu nett, zu lieb, zu einfach. Er hätte das Potential zu einem komplexen Charakter gehabt.

Insgesamt las ich die Geschichte gerne, aber ich weiß, dass sie mir nicht lange im Gedächtnis bleiben wird. Das ist der Grund, warum sie für mich trotz der guten Grundidee nur mittelmäßig und nicht gut ist. Ich störte mich auch an den häufigen Wiederholungen der Formulierungen und manchmal etwas komischen Wort- und Syntaxwahl, weiß aber nicht, ob dies lediglich aus Übersetzungsfehlern und nicht vom Schreibstil der Autorin herrührt. Ich hätte mir gewünscht, Beautiful Malice - ein sehr schöner Originaltitel - wäre es gelungen, mich mehr zu faszinieren.

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merveille am 26.3.13 14:50


Das Schneemädchen - Eowyn Ivey.

Mein herzlicher Dank gilt vorablesen, die mir durch ein Leseexemplar dieser zauberhaften Geschichte eine Rezension erst ermöglicht haben.

Klappentext

Alaska, in den 1920er Jahren: Mabel und Jack konnten keine Kinder bekommen. Um den Schmerz und die Enttäuschung hinter sich zu lassen, haben sie an der Zivilisationsgrenze Alaskas ein neues, einfaches Leben als Farmer begonnen. Doch Trauer und der harte Überlebenskampf in der erbarmungslosen Natur schaffen zwischen den beiden, die sich innig lieben, eine scheinbar unüberbrückbare Distanz.

Als der erste Schnee fällt, überkommt Mabel für kurze Zeit eine fast kindliche Leichtigkeit. Eine Schneeballschlacht mit Jack entspinnt sich, und sie bauen vor ihrer Hütte zusammen ein Kind aus Schnee. Am nächsten Tag entdecken sie zum ersten Mal das feenhafte blonde Mädchen in Begleitung eines Fuchses, das sie zwischen den Bäumen des Waldes hindurch beobachtet. Woher kommt das Kind? Wie kann es allein in der Wildnis überleben? Und was hat es mit den kleinen Fußspuren auf sich, die von Mabels und Jacks Blockhaus wegführen?


Die Autorin

Eowyn Ivey wuchs in Alaska auf, wo sie noch heute mit ihrem Mann und zwei Töchtern lebt. Sie studierte Journalismus und kreatives Schreiben an der Western Washington University und der University of Alaska und arbeitete zehn Jahre lang als preisgekrönte Redakteurin beim Frontiersman Newspaper. Heute ist sie Buchhändlerin. Das Schneemädchen ist ihr erster Roman.

Persönlicher Eindruck

Selten habe ich eine so wundervolle Geschichte gelesen, wie Eowyn Ivey sie in ihrem Schneemädchen niedergeschrieben hat. Von der ersten bis zur letzten Seite ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass dies hier einfach nur Magie ist, nur sein kann. Nicht weniger als Magie in ihrer reinsten Form.

Die Protagonisten ihres ersten Romanes sind Mabel und Jack. Nachdem ihr erstes und einziges Kind vor Jahren tot zur Welt gekommen ist, treffen die beiden die Entscheidung, sich in die Kälte und Einsamkeit des Farmerlebens in den Tiefen Alaskas zurückzuziehen. Ganz egal, wie viele Jahre vergehen:

Dieser Verlust zehrt noch immer an den beiden. Er ist in ihren schwerfällig gewordenen Gesten, in den abschweifenden Gedanken, in den manchmal so kargen Worten. Traurigkeit und Melancholie leisten ihm stets Gesellschaft, nicht immer kann die harte Arbeit Mabel und Jack ablenken. Was mich an den beiden aber von Anfang an faszinierte, war die Liebe zwischen ihnen, die trotz all dem Schmerz immer zu spüren war:

Sie versteckte sich in den kleinen Alltagsberührungen und der Sorge um den anderen. Sie schwamm auf der Oberfläche des warm gemachten Seifenwassers nach einem harten Arbeitstag. Sie war zwischen den Holzscheiten, die Jack mitten in der Nacht ins Feuer legte, damit Mabel es warm hatte, als Winter und Frost sich Zugang zu ihrer Hütte verschafften. Und ganz besonders war sie in der Zuneigung und Ausgelassenheit, als die beiden beim ersten Schnee des Winters das Schneemädchen bauen, dessen Geschichte sie von nun an begleiten soll.

Ich verbrachte selbst die ersten vier Jahre meines Lebens in Russland und kenne das Märchen von Snegurotschka, dem Schneemädchen, sehr gut. Ich liebe es, schon seit meiner Kindheit:

«Frau, lass uns in den Garten gehen
und ein kleines Schneemädchen machen;
dann wird es vielleicht lebendig,
und wir haben eine kleine Tochter.»

«Mann», sagt die alte Frau,
«man kann nie wissen, was wird.
Lass uns in den Garten gehen und ein
kleines Schneemädchen machen.»


Diese Geschichte bildet die Basis zu derjenigen, die Eowyn Ivey erzählt. Das wohl faszinierendste in ihr war für mich, dass die Autorin es wie selten jemand zuvor verstanden hat, die Grenze zwischen Realität und Fantasie zu verwischen. Ich konnte mir nie ganz sicher sein, wer oder was Faina - so der Name des blonden Mädchens, das irgendwann vor Jacks und Mabels Haus erscheint - letztlich war. Wie viel Märchengestalt, wie sehr Mensch. Ivey selbst lässt diese Frage auch bis zum Schluss unbeantwortet, überlässt sie der Fantasie des Lesers. Ich fand es sehr beeindruckend und große Kunst, dass eine Autorin, die selbst soviel Fantasie besitzt, eine solche Geschichte zu erzählen, dennoch die ihrer Leser so wahrt, dass sie diese Fragen unbeantwortet lässt.

Ebenso fließend wie die Grenze zwischen Fantasie und Realität war die zwischen Kindern und Erwachsenen. Einmal erzählt der Nachbarsjunge Garrett Jack und Mabel von seinen Streifzügen durch die Wildnis Alaskas:

Dann wieder brachte er Geschichten mit - von einem Gebirgswasserfall, den er entdeckt hatte, oder von einem Grizzly, wie er auf einem Schneefeld spielte.
«Der Bär hat sich benommen wie ein kleines Kind, er ist immer wieder nach oben gelaufen, runtergerutscht und gleich wieder hochgaloppiert.»


Worte und Sätze wie diese ließen die Geschichte für mich an jeder einzelnen Stelle nach einem Märchen klingen. Einem so gut erzählten, dass ich verzaubert wurde. Eowyn Ivey geht leichthin mit ihrer Sprache um, sie ist berührend, sie passt genau zu den Geschehnissen der Geschichte. Die Autorin weiß so zu erzählen, dass ich die Gräser und Wildblumen Alaskas riechen konnte, die Kälte des Winters dort spürte, die Gesichtszüge ihrer Helden vor mir sehen konnte. So etwas habe ich selten zwischen Buchdeckeln gefunden und es fasziniert mich noch immer auf ganzer Linie.

Mehr möchte ich zum Schneemädchen eigentlich auch gar nicht sagen. Nur soviel, dass seine Geschichte, seine liebenswerten und liebevollen Protagonisten und all die Fantasie und Bilder, die in ihm steckten, mein Herz nicht nur erobert, sondern vor allem auch berührt haben. Ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen diese wundervolle Geschichte lesen, denn sie ist es wert, tausendfach gelesen zu werden. Immer und immer wieder.

merveille am 4.10.12 19:36


Zurück auf Glück - Patricia Marx.

Mein herzlicher Dank gilt vorablesen, die mir durch ein Leseexemplar dieses Buches eine Rezension erst ermöglicht haben.

Klappentext

"Wally ist der perfekte Mann."
"Perfekt ist nicht mein Typ."

Imogene Gilfeather, eine erfolgreiche, leicht neurotische Dessous-Designerin aus New York, ist an Liebe und Romantik wenig interessiert. Dann tritt Wally Yez in ihr Leben, und er ist sich sicher:

Er ist für Imogene bestimmt. Nach dem ersten Kuss und anderen Komplikationen werden Imogene und Wally ein Paar. Hält das Glück, was es verspricht?


Die Autorin

Patricia Marx war als Texterin für Saturday Night Live tätig und arbeitete als erste Frau für den Harvard Lampoon, eine Satire-Zeitschrift der Harvard Universität. Sie veröffentlichte Artikel in The New York Times, Vogue und The Atlantic Monthly, heute schreibt sie regelmäßig für The New Yorker. Für ihr erstes Buch Him Her Him Again The End of Him war sie für den Thurber Prize for American Humor nominiert. Seit Herbst 2011 unterrichtet Patricia Marx Drehbuch an der Princeton Universität.

Persönlicher Eindruck

Die Leseprobe versprach eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, vielleicht sogar fast ein modernes Märchen. Ich mochte den ungewöhnlichen Erzählton am Anfang sehr, mochte die Bilder, mochte das Kurze und Knappe und schnell Erzählte.

Letztendlich enttäuschte Zurück auf Glück aber auf ganzer Linie. Selten würde ich über Bücher sagen, sie zu lesen wäre pure Zeitverschwendung gewesen, sinnlos. Dieses hier zählt dazu.

Ich war schnell genervt von der Oberflächlichkeit, die sich durch Patricia Marx' Geschichte zog. Außer ihrer Tätigkeit als Dessous-Designerin zeichnete Imogene nicht viel aus, bei Wally war es mit seiner Verschrobenheit als Wissenschaftler ähnlich. Die Autorin erwähnte sich selbst in ihrem Buch bald öfter als ihre Protagonisten, was nach dem 733630936. Mal nur noch abgehoben wirkte. Es interessierte mich selten, was "Patty" über ihre Protagonisten dachte. Fast so wenig interessierte mich, was diese so taten. Die anfängliche Kennenlernphase von Wally und Imogene war noch ganz nett zu lesen, er ist ja doch ganz niedlich gewesen in seiner etwas verschobenen Hartnäckigkeit. Als sich die beiden jedoch kriegten und dann auch noch anfingen, Kinder zu bekommen und diese groß zu ziehen (und dabei doch verdammt viel Ähnlichkeit mit den Simpsons aufwiesen, das eine Kind vollkommen verdorben, das andere die totale Überfliegerin), driftete die Geschichte endgültig ins Lächerliche ab. Sie gab mir nichts mit auf den Weg, gar nichts. Sie langweilte mich nur in ihrem starren Versuch, modern und hip zu klingen, denn das war sie nicht. Patricia Marx hatte eigentlich nichts zu erzählen. Zurück auf Glück ist für mich damit nichts weiter als ein Beispiel dafür, wie eigentlich gute Ideen an ihrer eigenen Umsetzung scheitern.

"Dann müssen wir eben länger leben, Wally."

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merveille am 1.10.12 21:57


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