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Wie Mr. Rosenblum in England sein Glück fand - Natasha Solomons.

Ich möchte mich herzlich bei vorablesen für ein Rezensionsexemplar dieses so liebevollen Buches bedanken.

Klappentext

In dem Moment, als Jack Rosenblum 1937 in Harwich von Bord geht, fasst er einen Entschluss:
Als deutscher Jude, der mit seiner Frau aus Berlin fliehen konnte, möchte er so schnell wie möglich ein echter Engländer werden. Und so erstellt er eine Liste:
einen leicht verständlichen Führer durch die Sitten und Gebräuche Englands.

Fünfzehn Jahre später hat Jack viel erreicht. Nur einen Punkt auf seiner Liste konnte er noch nicht abhaken:
Er ist noch nicht Mitglied in einem englischen Golfclub. Und da ihn niemand aufnehmen will, beschließt er, selbst einen Golfplatz zu bauen. Also schleift er seine Frau Sarah in das Herz der englischen Countryside, nach Dorset. Doch hier, im Land der Borstenschweine, Glockenblumen und des Apfelweins, scheint die schwierigste Aufgabe noch vor ihm zu liegen ...


Die Autorin

1980 wurde Natasha Solomons geboren.
Nachdem sie mit 9 Jahren bereits Schafe am Bulbarrow Hill hütete, schaffte sie bis zum heutigen Tag den Karrieresprung zur Drehbuchautorin und Frau, die über Lyrik des 18. Jahrhunderts promoviert. Gemeinsam mit ihrem Mann und Kollegen David lebt sie in einem baufälligen Naturstein-Cottage in Dorset. Zum Arbeiten zieht sich die Autorin in ein bemaltes Sommerhaus neben einer Apfelplantage zurück, wo ihre nächsten Nachbarn ein Paar neugieriger Fasane sind. Zu ihrem ersten Roman Wie Mr. Rosenblum in England sein Glück fand wurde sie von ihrer deutsch-jüdischen Großmutter inspiriert, gewidmet ist es aber ihrem verstorbenen Großvater. Diesem hat sie an seinem neunzigsten Geburtstag versprochen, dass ihr erstes Buch für ihn sein würde. Und so ist es auch für Mr. P. E. Shields, 1910 - 2000. Und für David, in Liebe.

Persönlicher Eindruck

Noch bevor ich das Buch aufschlagen und darin lesen konnte, hatte es mich verzaubert. Selten habe ich eine so liebevolle Aufmachung für Romane gesehen:
Der Buchrücken ist mit altrosa Stoff bezogen und mit silbernen Lettern bedruckt, das Cover ähnelt einer Kinderzeichnung. Schlägt man es auf, überziehen Rosenranken das Innere des Buches auf der ersten Seite.

Mit soviel Liebe zum Detail, wie das Buch optisch aufgemacht wurde, schreibt Natasha Solomons auch. Sie erzählt uns von Jack Rose-in-Bloom und seiner Frau Sarah in detaillierten Sätzen, schweift dabei immer wieder aus und widmet sich der Welt und Natur, von der ihre Charaktere umgeben sind. Sie verliert sich in der Leidenschaft für Glockenblumen und Häuser, die bereits kurz vor dem Verfall stehen und wackeln, in denen aber Leben und Erinnerung wohnen. Solomons packt den Duft von Rosen, Dachsmist, Cider und frisch gemähtem Gras in Worte, sie fängt einen typisch-englischen Winter in all seiner bitteren Kälte ein, sie umschreibt und liebt vor allem die Dinge, über die sie in gedruckten Lettern redet. Das ist wohl der beeindruckendste Aspekt dieses Buches, in dem es nicht um ein Auftrumpfen mit Spannung oder gekonnten Wendungen der Handlung geht. Es ist viel zärtlicher, viel unterschwelliger und dadurch hat man ab und an vielleicht ein wenig den Eindruck, das Buch würde sich nur langsam hinziehen. All diese Gedanken wurden aber weggewischt, sobald ich mich in Mr. Rosenblum reingelesen hatte und dann am liebsten auf jeder zweiten Seite eine Markierung mit einer Textstelle hinterlassen hätte, die mir so sehr gefiel, dass es sich an sie zu erinnern lohnte.

Da wäre vor allem der liebenswerte Charakter Jack Rosenblums an sich. Aus einem zu Grunde gehenden Deutschland ins englische Exil vertrieben, resiginiert der kleine und zierliche Mann keinesfalls. Vielmehr legt er sein gesamtes Herzblut von nun an in die Aufgabe der Integration:
Vom Namen, über die Kleidung bis hin zur Sprache versucht Jack Rosenblum alles, um sich und seiner Familie in der britischen Fremde eine Heimat zu schaffen, sich makellos in diese neue Welt einzufügen.
Tief im Gedächtnis geblieben ist mir hier eine Szene auf Seite 127:

Punkt 71 - "Ein Engländer hört die BBC" - war ihm ganz selbstverständlich. Als sein Apparat während des Krieges für eine kurze Zeit konfisziert worden war (sie hätten ihm auch Fahrrad, Kamera und Wagen weggenommen, wenn er das besessen hätte), war er untröstlich gewesen. Der für ihn zuständige Bobby, der gekommen war, um das Gerät einzusammeln, entschuldigte sich, aber er habe den Befehl, alle Radios von "feindlichen Ausländern der Kategorie B" zu beschlagnahmen. Er gab Jack eine Quittung und versprach ihm, das Gerät unverzüglich wieder zurückzubringen, sobald er in Kategorie C eingeordnet werde. Als er den niedergeschlagenen Ausdruck auf Jacks Gesicht sah, hatte er ihm darüber hinaus versprochen, dafür zu sorgen, dass keiner der Kollegen unten auf der Wache sein Radio benutzte. Sechs Monate später wurde es tatsächlich von demselben Polizisten unversehrt wieder zurückgebracht, zusammen mit einer Tüte Mandelkekse, die seine Frau gebacken hatte. Der Vorfall blieb Jack als Symbol für die Launen von Regierungsbeschlüssen (nicht, dass er sie je kritisieren würde) und der Güte des durchschnittlichen Engländers im Gedächtnis.

Dass jemand soviel Energie und Herz darauf verwenden kann, sich in eine Gesellschaft einfügen zu wollen, die ihn zumindest vorerst nur als jenen feindlichen Ausländer betrachtet, hat etwas sehr Tieftrauriges. Umso tröstender erscheint dann der Titel, der sich in ein Glücksrezept verwandelt, in dem Höflichkeit und Respekt Schlüsselpositionen einnehmen.

Was Natasha Solomons hier geschrieben hat, ist ein Buch voller Fantasie und unerfüllter Wünsche, denen man folgt. Sie erzählt von den Träumen, die Menschen einst hatten und die sie zu erfüllen suchten. Sie erzählt ebenso, wie diese Träume manchmal am Alltag und seiner Wirklichkeit scheiterten.
Aber vor allem schreibt sie hier die Geschichte von Jack und Sarah Rosenblum in all ihren Facetten nieder.
Jenen, die traurig sind. Aber vor allem auch jenen, die Hoffnung geben. Ich finde, ich lasse meine Rezension hier am schönsten mit einigen Worten Jack Rosenblums enden:

"Heute Abend habe ich ein Irrlicht gesehen. Ich wusste, dass es nur phosphoreszierendes Licht war, aber ich wollte, dass es etwas Magisches, Mystisches sei. Würden Sie nicht auch gern in einer solchen Welt leben, Mr. Jones? Einer Welt der Magie statt einer aus Beton und Bungalows?"

/
23.10.10 23:30
 


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