untitled | yvi @ the vision
Atemschaukel - Herta Müller.

Melancholisch, erdrückend, bildhaft.
Gut.

Klappentext

Herta Müllers ATEMSCHAUKEL ist ein Ereignis. In einem überwältigenden, poetischen Roman erzählt sie vom Schicksal eines jungen Mannes aus Siebenbürgen im russischen Arbeitslager.

"Ich setzte mich an den Tisch und wartete auf Mitternacht. Und Mitternacht kam, aber die Patrouille hatte Verspätung. Drei Stunden mussten vergehen, das hielt man fast nicht aus.
Dann waren sie da. Die Mutter hielt mir den Mantel mit dem schwarzen Samtbündchen. Ich schlüpfte hinein. Sie weinte. Ich zog die grünen Handschuhe an. Auf dem Holzgang, genau dort, wo die Glasuhr ist, sagte die Großmutter:
ICH WEISS DU KOMMST WIEDER.

Ich habe mir diesen Satz nicht absichtlich gemerkt. Ich habe ihn unachtsam mit ins Lager genommen. Ich hatte keine Ahnung, dass er mich begleitet. Aber so ein Satz ist selbstständig. Er hat in mir gearbeitet, mehr als alle mitgenommenen Bücher.
ICH WEISS DU KOMMST WIEDER wurde zum Komplizen der Herzschaufel und zum Kontrahenten des Hungerengels. Weil ich wiedergekommen bin, darf ich das sagen:
So ein Satz hält einen am Leben."


Die Autorin

Herta Müller wurde 1953 im rumänischen Nitzkydorf geboren und lebt seit 1987 als Schriftstellerin in Berlin. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen deutschen und internationalen Preisen ausgezeichnet, 2009 erhielt sie den Literaturnobelpreis für die Kunst ihrer Sprache.

Persönlicher Eindruck

Atemschaukel zu lesen, fiel mir schwer.
Ein kleiner Teil davon lag am Inhalt selbst:

Das Leben des siebzehnjährigen Leopold Auberg im russischen Arbeitslager ist trist, eine Tortur, es stimmt demütig und melancholisch. Ich bin selbst im sibirschen Russland geboren worden und weiß von den weißen Landschaften meines Heimatlandes, von seiner Kälte und Klarheit, seinen puristischen Zügen. Für mich ist es erinnerungsschwer und es durch die Augen Leos zu sehen, war ein Blickwinkel, der für mich so interessant wie schwermütig war.

Mehr noch als der Inhalt selbst hat aber die Sprache meinen Lesefluss zersetzt, denn ich ziehe meinen Hut vor der Bildhaftigkeit der übermächtigen Worte Herta Müllers.
Ihre Herzschaufeln, Hungerengel und Atemschaukeln sind so lebendig, dass sie einen gruseln. Und sie klingen so schön, dass sie keinen härteren Kontrast zu den eigentlichen Sinnen der Worte hätten ziehen können.
Man verliebt sich gemeinsam mit Leo in die Herzschaufel, wird abhängig von ihr.
Ist gekettet an seinen Hungerengel, der ihn peinigt und ihm doch als einziger treu bleibt.
Man schiebt sein Heimweh weit von sich, schickt es auf einem weißen Schwein auf Reisen in Richtung Himmel.
All dies ist so poetisch, so bildlich und stark, so melancholisch und schwermütig, dass ich zeitweise das Gefühl hatte, davon erdrückt zu werden. Ich konnte Atemschaukel nicht lange am Stück lesen und habe Wochen gebraucht, es zu beenden. Dabei umfasst es gerade mal 300 Seiten.

Ich glaube, das Buch gefiel mir. Sicher bin ich mir nicht, denn die Worte und die Bildergewalt lassen keinen klaren Eindruck zu.
Aber Herta Müller hat mich mit ihren Worten erreicht und tief berührt, es ist ein Roman, der sich in Gedächtnis und Psyche eingräbt, Emotionslawinen lostritt.
Zum Beispiel dann, wenn Leo von seinem Heimweh spricht, das er zu zähmen gelernt hat:

"Wenn mir das auch noch gelingt, ist mein Heimweh nicht mehr empfänglich für Sehnsucht. Dann ist mein Heimweh nur der Hunger nach dem Ort, wo ich früher einmal satt war."

Oder wenn der Nachbar Leo nach seiner Heimkehr erzählt, dass der Großvater bis zu seinem Tod immer auf ihn gewartet habe. Für mich eines der tieftraurigsten Motive der Literatur:
Jemanden auf einen anderen warten zu lassen, obwohl er nicht wiederkommt. Oder zu spät wiederkommt, der Tod ihm vorauseilt. An diesen Textzeilen musste ich um den Großvater und all die versäumten Gelegenheiten weinen.

Für mich ist das Buch fast wie lebendig mit all seinen Bildern, Erinnerungen, Gefühlstransporten. Nicht so schwer zu lesen, nicht so schwer zu verstehen. Aber mit den Eindrücken umzugehen, die noch lange in einem nachklingen, fällt zumindest mir nicht sehr leicht.

/
5.12.10 19:35
 


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