untitled | yvi @ the vision
Die Eleganz des Igels - Muriel Barbery.

Wie komprimiere und präsentiere ich mein Wissen auf ein paar weißen Buchseiten?
Muriel Barbery macht es vor.

Klappentext

"Ich heiße Renée.
Ich bin vierundfünfzig Jahre alt. Seit siebenundzwanzig Jahren bin ich Concierge in der Rue de Grenelle 7, einem schönen herrschaftlichen Stadthaus mit Innenhof. Ich bin Witwe, klein, hässlich, mollig, ich habe Hühneraugen und in gewissen Morgenstunden einen Mundgeruch wie ein Mammut.
Doch vor allem entspreche ich so genau dem Bild, das man sich von den Conciergen macht, dass niemand auf die Idee käme, ich könnte gebildeter sein als all diese selbstgefälligen Reichen."

"Ich heiße Paloma, bin zwölf Jahre alt, ich wohne in der Rue de Grenelle 7 in einer Wohnung für Reiche. Meine Eltern sind reich, meine Familie ist reich, und meine Schwester und ich sind folglich potentiell reich. Doch ich weiß schon lange, dass die Endstation das Goldfischglas ist, die Leere und der Unsinn des Erwachsenenlebens.
Warum ich das weiß?
Der Zufall will, dass ich sehr intelligent bin. Daher habe ich einen Entschluss gefasst:
Am Ende dieses Schuljahres, an meinem dreizehnten Geburtstag, werde ich Selbstmord begehen."


Die Autorin

Muriel Barbery wurde 1969 geboren, studierte Philosophie in Frankreich und lebt nun seit einiger Zeit in Kyoto. Ihre beiden Romane Die letzte Delikatesse und Die Eleganz des Igels sind vielfach ausgezeichnet und übersetzt worden.

Persönlicher Eindruck

Vielleicht heißt lebendig zu sein das:
Augenblicke zu verfolgen, die sterben.


Das ist eines meiner Lieblingszitate aus der Eleganz des Igels, weil es sanfte Denkanstöße gibt, das Leben in seinen Momentaufnahmen festzuhalten und diese zu genießen, solange sie bei uns verweilen. Es ist melancholisch und voller Schönheit zugleich, es flüstert in der Tonlage des typisch-französischen Stils. Es wäre schön gewesen, wenn das ganze Buch dieses Versprechen des Klappentextes hätte halten können.
Denn für mich war ein Großteil des Romans einfach nur ein Balanceakt um die Frage herum:

Wie glänze ich auf möglichst kleinem Raum mit meinem Wissen?

Die Autorin reiht durch die Stimme Renées und Palomas Fachausdruck an Fachausdruck, wirft mit unbekannten Worten um sich und beschwört so das Trugbild eines angeblich verkannten Genies herauf, das sich in die Katakomben der Einsamkeit zurückziehen muss, um vor dem Intelligenzmangel der äußeren Welt verschont zu bleiben.
Für mich ein falscher Gedankengang von Protagonistinnen, die kaum authentisch waren. Ich konnte mit Paloma und Renée nichts anfangen, sie waren für mich keine fühlenden Menschenbilder, sondern lediglich denkende Hülsen:

Renée, die ihre Intelligenz und ihre Hingabe an Kunst, Philosophie, Literatur und klassische Musik der falschen Kostümierung einer halbdebilen Concierge opfert, nur, um ihre Ruhe vor der reichen Gesellschaft - klingt da etwa ein wenig Neid durch? - zu bewahren. Die Erklärung für ihr Verhalten, die sie in einer Erinnerungsszene zum Ende des Romans hin liefert, erscheint mir wenig nachvollziehbar, sie stellte mich nicht zufrieden.

Und Paloma, das hochbegabte und intelligente Kind, das aus der Welt scheiden will, bevor sie sich für sie in ein Goldfischglas verwandelt. Viel zu viel Ratio und zu wenig Kind, um authentisch zu wirken. Viel zu konstruiert, zu ausgedacht, zu theoretisch.

Ich muss zugeben, dass in dieser Wüste aus Fremdwörtern und Intelligenzbeweisen auch einige Gedanken dabei waren, die schön waren. Und diese waren es dann auch durch und durch, wunderschön und bildhaft, fast überwältigend. Sie regten zum Nachdenken an, stimmten melancholisch, ließen lächeln. Beispielsweise dieser hier:

"Ich habe mir auch gedacht, dass Kakuro so gewesen sein musste, als er klein war, und ich habe mich gefragt, ob ihn wohl damals jemand angeschaut hatte, wie ich Yoko anschaute, mit Vergnügen und Neugierde, in Erwartung, dass der Schmetterling aus seiner Puppe schlüpft, im Vertrauen auf die Schönheit der nicht voraussehbaren Zeichnung seiner Flügel."

Mein Herz und die Bewertung mit fast 3 Sternen geht vor allem an Monsieur Kakuro Ozu, den ich als so liebenswürdig, klug und charmant empfand, dass er mir neben der Katze als einziger im gesamten Roman als lebendiges Bild erschien. Ich verlor mich in seiner japanischen Herkunft, der Subtilität seiner Gesten, den scharfen Zügen seines Geistes. Es tat gut, ihm zuzuhören.
Genauso wie es gut tat, den oft herzallerliebsten Humor zu lesen, wenn sich feine Damen um 130 Euro teure Spitzenhöschen streiten und die altkluge Tochter dies genau zu beobachten und zu notieren weiß.

Oder Liebenswürdigkeit zu finden.
Ich habe mich in die Szene verliebt, in der Jean Arthens Renée aufsucht, um sie nach den Namen jener Blumen zu fragen, die ihn damals durch ihre Schönheit auch ein wenig vor dem Drogenabgrund errettet haben.

"Ja, Sie haben mir nämlich einmal den Namen jener Blumen gesagt. In der Rabatte dort hinten", er zeigt mit dem Finger zum hinteren Teil des Hofs, "gibt es hübsche kleine Blumen, weiße und rote. Sie haben sie gepflanzt, nicht wahr? Und eines Tages habe ich Sie gefragt, wie sie heißen, aber ich war unfähig, den Namen zu behalten. Dabei habe ich die ganze Zeit an diese Blumen gedacht, ich weiß nicht, warum. Sie sind so hübsch, und als es mir so schlechtging, dachte ich an die Blumen, und das hat mir gutgetan. Und da war ich vorhin hier in der Nähe und habe mir gedacht:
Ich gehe zu Madame Michel und frage sie, ob sie es mir sagen kann."
Er wartet gespannt und etwas verlegen auf meine Reaktion.
"Das kommt Ihnen bestimmt komisch vor, nicht wahr? Ich hoffe, ich mache Ihnen keine Angst mit meinen Blumengeschichten."
"Nein", sage ich, "ganz und gar nicht. Wenn ich gewusst hätte, wie gut sie Ihnen taten ... Dann hätte ich überall welche gepflanzt!"


Momente wie diese waren die Lichtblicke des Buches, denn sie waren wieder von der melancholischen, typisch-französischen Leichtigkeit, die ich so liebe.
Im Gegenzug dazu blieb der Großteil leider nur zähflüssige Masse, in die Aneinanderreihungen von gewollt klugen Gedanken eingerührt wurden. Mehr Schein als Sein, zuviele Lobpreisungen, um das Versprechen auch wirklich halten zu können. Sehr schade.

/
30.12.10 19:47
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


hasewue / Website (6.1.11 19:24)
Von mir nachträglich ein erfolgreiches, neues Jahr 2011.
Vielen Dank für deine Rezension. Ich habe das Buch noch vor mir, bin aber nicht wirklich optimistisch, da ich vor kurzem erst "Die letzte Delikatesse" gelesen habe und das Buch einfach nur grauenhaft fand.
Ich hoffe, dass es etwas besser ist.
Ich habe dir übrigens einen Award verliehen und hoffe, dass du ihn annimmst
http://hasewue.wordpress.com/2011/01/06/liebster-blog-award/

LG

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