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Eine Frage der Höflichkeit - Amor Towles.

Mein herzlicher Dank gilt vorablesen, die mir durch ein Leseexemplar dieses so eleganten Buches eine Rezension erst ermöglicht haben.

Klappentext

New York, Silvester 1937:
Die beiden Freundinnen Kate und Eve - zwei Provinzschönheiten, die die Welt erobern wollen - gabeln in einer Jazzkneipe den charmanten Tinker Grey auf. Er trägt Kaschmir und scheint Single zu sein - ein Sechser im Lotto. Eine turbulente Freundschaft à trois beginnt:
Die beiden Mädchen weisen Tinker in die Geheimnisse des Schnorrens ein - wie gelangt man ins Capitol-Filmtheater, ohne Eintritt zu bezahlen? - und Tinker revanchiert sich, indem er sie in die feinsten Clubs der City ausführt. Eines ist klar:
Die beiden wollen dazugehören in dieser Welt der schokobraunen Bentleys, der seidenen Etuikleider und des prickelnden Champagners.

Erst als das beschwingte Dauerabenteuer jäh durch einen Unfall beendet wird, stellt sich die Frage, wer eigentlich in wen verliebt ist ...


Der Autor

Amor Towles hat in Yale und in Stanford studiert.
Derzeit ist er in der Finanzbranche tätig und gehört dem Vorstand der Library of America und der Yale Art Gallery an. Nach Veröffentlichungen in Paris Review ist Eine Frage der Höflichkeit sein erster Roman.
Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Manhattan.

Persönlicher Eindruck

Amor Towles' Roman besticht nicht durch große Knalleffekte in der Handlung:
Diese plätschert eher nur so dahin, Protagonisten erscheinen und verschwinden immer mal wieder von der Bühne und auch die großen Skandale der höheren Klasse werden erst zum Ende hin gelüftet und damit spannend.

Was an Towles' Roman viel mehr fasziniert, ist die Intelligenz und Eleganz, die er trägt. Sie wird schon in der Protagonistin Katey Kontent versinnbildlicht:
Als Mädchen vom Lande, das von ihrem Vater die Demut und von ihrer Herkunft das hübsche Äußere mitbekommen hat, sucht sie ihr Glück nun im großen New York. Katey ist klug, mädchenhaft und in genau den richtigen Momenten elegant, was ihr Zutritt zu den elitären Kreisen gewährt, ohne sie im Laufe des Romans jemals aufdringlich oder unnatürlich wirken zu lassen. Das ist es, was sie herzlich und sympathisch hat erscheinen lassen.

Als Katey und ihre Freundin Eve, ebenfalls Mädchen vom Lande und ein wenig forscher als sie selbst, in der Silvesternacht des Jahres 1937 den hübschen Tinker Grey kennenlernen, ist es zuerst eine Freundschaft, die sich aus dieser zufälligen Begegnung und der Liebe zu unverbrauchtem Jazz entspinnt. Noch ist alles unverblümt, verspielt - solange, bis ein Autounfall auf glatter Straße Eves hübsches Gesicht entstellt und Tinker, so glaubt zumindest er, in ihre Schuld zwingt. Aus diesem Ereignis sollen sich im Laufe des Romans unzählige enttäuschte Erwartungen, unerwiderte Liebesgefühle und weit verzweigte Kreise in der höheren Gesellschaft entspinnen. Die drei einstigen so-gut-wie-Freunde leben lange ein paralleles Leben nebeneinander her.
Und so erzählt Katey die Geschichte von ihr, Tinker und Eve bis zu dem Moment zu Ende, an dem sie ihm als verheiratete Frau auf einer Fotografie im Museum of Modern Art wiederbegegnet.

An Amor Towles fasziniert neben seinem detaillierten Blick für die feinen Abstriche der Gesellschaft vor allem auch sein kluger Humor. Die Wortgefechte, die er Katey mit Menschen austragen lässt, denen sie erst das Gegenteil des Klischees des armen Mädchens vom Lande beweisen muss, sind so erfrischend und begeistern so sehr, dass es keine weitere Handlung als einen Abend braucht, der ach so elegant geplant war und schließlich ganz anders enden sollte. Es sind diese kleinen Überraschungsmomente, die sich unerwartet anschleichen oder wie ein Papierflugzeug im achtzehnten Stock der Nummer 44 landen. Ungefähr so wie Dicky Vanderwhiles Papierflieger, den er mit folgenden Worten und der Unterschrift Peter Pans zu seinen kleinen Nachbarskindern schickt:

Unsere Wälle stehen von allen Seiten unter Beschuss.
Unsere Munitionslager sind fast leer.
Unsere Rettung liegt in euren Händen.


Dass sich diese Romanze von Katey bei all seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen und Ketten noch das Kind im Herzen behalten konnte, ist liebenswert. Genau wie der Charakter des Dicky Vanderwhile an sich.

Ich würde gerne noch weitere Stellen des Romans zitieren, um wirklich visualisieren zu können, wie zart die Art und Weise ist, auf die er gefällt, wie klug manche der eingefangenen Momente auftreten:
Katey, die ihre innere Ruhe in den Kirchen New Yorks sucht (und sie findet).
Tinker, der auf dem Dach der verlassenen Wohnung seines Bruders nach dem Band fahndet, dass ihn und Hank als Kinder einst verbunden hat.
Und Fotografien an den Wänden, hunderte von ihnen, die Momente und Generationen so festhalten, wie sie einst wirklich waren. Ganz ohne dass die Erinnerung sie verwässern kann.

Eine Frage der Höflichkeit zu lesen war nicht immer fließend, denn die Handlung blieb stets auf einer Ebene am Rande des Minimums. Dafür war es nach den ersten Seiten aber stets so, als ob man der Stimme eines Mannes lauscht, der vor Intelligenz und Eleganz nur so strahlt, nur so sprüht.
Ein Lesevergnügen - vielleicht reichen diese Worte als Schlusswort und Fazit für einen großartigen Roman wie diesen aus.

/
18.4.11 18:26
 


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