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Einundzwanzigster Juli - Anne C. Voorhoeve.

Mein herzlicher Dank gilt dem Ravensburger Buchverlag, die mir durch ein Leseexemplar dieses so beeindruckenden Buches eine Rezension erst ermöglicht haben.

Klappentext

21. Juli 1944. Nichts ist mehr wie es war.
Auf Schloss Lautlitz in Württemberg hört Philippa, dass auf den "geliebten Führer" ein Attentat verübt wurde. Sie ist fassungslos, als sie erfährt, dass ihre Familie an der Verschwörung beteiligt war.
Hitlers Staatspolizei schlägt sofort zurück, will sie "ausrotten bis ins letzte Glied".
Alle vom Kleinkind bis zur Großmutter werden in Sippenhaft genommen, in verschiedene Gefängnisse, Konzentrationslager und Heime verschleppt. Endlose Monate der Angst und Todesgefahr liegen vor ihnen, und eine bange Frage:
Werden alle einander wiedersehen?


Die Autorin

Anne C. Voorhoeve wurde am 19. Dezember 1963 in Bad Erms geboren. Ihre vielen Wege führten sie nach einem Studium der Politikwissenschaft, Amerikanistik und Alten Geschichte in Mainz unter anderem an die University of Maryland, zu einer medizinischen Fachzeitschrift oder an ein evangelisches Kloster, für das sie in der Öffentlichkeitsarbeit tätig war.
Lilly unter den Linden machte sie 2004 schließlich bekannt, als das Drehbuch vom MDR verfilmt wurde.

Persönlicher Eindruck

"Und wie Dir gebührte das einsame Ende der Helden."
Abschiedsworte des Grafen Alexander Schenk von Stauffenberg an seine Frau Melitta. Mit ihnen fängt Anne C. Voorhoeve ihren fiktiven Roman über das Leben der Familie von Stauffenberg an, bettet ihn aber gleichzeitig in wahre Daten einer wahren Geschichte ein. Nämlich der zu Zeiten des 2. Weltkrieges, den Jahren 1944 und 1945, als in der Nacht zum 21. Juli 1944 der wahrscheinlich bekannteste Versuch eines Attentats auf Hitler scheiterte. Von einer kurzen Episode aus der Zeit zuvor, aber vor allem auch aus dem Jahr danach erzählte Anne C. Voorhoeve in ihrem Buch. Ihre Augen sind die der vierzehnjährigen und nie existent gewesenen Fritzi Bredemer, einer Nichte der "Brüder Stauffenberg" in der Realität, der "Brüder von Lautlitz" im Roman - aus Respekt und einer besonderen Betonung auf dem fiktiven Element wird der reale Name auf Wunsch der Familie hin im Romanverlauf nicht genannt.

Als Fritzi in den Kriegstagen des Jahres 1944 aus Oschgau zurück in ein ausgebombtes Berlin kommt, ist ihre Mutter gar nicht angetan davon, ihr so hübsch angezogenes Kind in den Schutt- und Staubwolken ihrer Heimatstadt zu sehen. Nach einer kurzen Zeit der Fliegerwarnungen, im Schutzkeller zugebrachten Stunden und Episoden der Angst bittet sie schließlich Fritzis Tante Lexi (Melitta von Stauffenberg), diese in die Sicherheit des Familienschlosses Lautlitz zu fliegen.
Fritzi quält dies - ebenso wie die Geschichte um Piotr, die sie tags wie nachts verfolgt. Was mit ihm geschah, offenbart sie dem Leser und ihrer Familie erst zum Ende des Buches hin. Solange erfährt man nur, dass die Tragik seines Schicksals sie so tief erschüttert hat, dass sie unbedingt in ein zerstörtes Berlin zurückkehren wollte.

Nach einigen "Ruhe vor dem Sturm"-Tagen auf Schloss Lautlitz kommt es schließlich zum Eklat:
Die Nachricht wird laut, dass auf den "geliebten Führer" ein Attentat verübt wurde. Kurze Zeit später steht die Gestapo vor den Schlosstoren und kassiert die gesamte Familie ein, vom Kleinkind bis zur Großmutter, die in der Realität damals gerade mal 10 Tage und schon 84 Jahre zählten.
Es folgt eine Odyssee durch diverse Konzentrationslager, Gefängnisse, Heime, wo das Ausmaß des Schreckens je nach Verantwortlichen variiert. Und was im Verlauf dieser Reise am interessantesten zu beobachten ist, ist die Veränderung, die Fritzi selbst durchläuft:

Dass irgendetwas an der ihr eingetrichterten Ideologie nicht ganz stimmen kann, weiß sie spätestens seit der "Sache mit Piotr", dennoch ist sie anfangs von den Taten ihrer Familie schockiert. Doch all dies verschwindet nach und nach, macht dem selbstständigen Denken platzt, ebenso wie dem Mut durchzuhalten und dem Stolz, eine "von Lautlitz" zu sein. Das nationalsozialistische Gedankengut macht aber auch der einzigen Angst platz, die Fritzi neben den Strapazen der Sippenhaft wirklich an die Substanz zu gehen scheint:
von ihrer Familie getrennt zu werden, Einzelne aus ihren Reihen zu verlieren, zum Ende des Krieges hin nicht mehr vollständig zu sein.

Diese Wandlung Fritzis ist für mich einer der interessantesten Aspekte der Geschichte - der wahren, genauso wie der fiktiven:
Nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat sind viele Stimmen laut geworden, er und seine Verschwörer hätten doch ohnehin nur "ihre eigene Haut retten wollen", jetzt, wo es schon auf das Kriegsende und somit auf ein Urteil durch die Alliierten zuging. Sie waren auch alle keine Gutmenschen in dem Sinne, doch was sie vereinte, war der Wunsch nach einer neuen Grundordnung ohne nationalsozialistisches Gedankengut, das in seiner Grausamkeit Menschen folterte, hinrichtete, sie nicht als solche behandelte. Es geht in Anne C. Voorhoeves Roman nicht um eine einfache Beantwortung der Schuldfrage, sondern um die Richtungsänderung des bisherigen Pfades, nachdem man erkennen musste, dass man einem Verbrecher gedient und seine eigenen Verbrechen für ihn begangen hat. Das ist das wirklich Beeindruckende am Grafen von Stauffenberg, der Grund, warum die Walküre in der Geschichte des Winderstandes so faszinierend ist. Und wahrscheinlich auch der Grund, warum die Familie bei all den durchgemachten Strapazen, all der Tyrannei und Angst und Grausamkeit der Sippenhaft bedingungs- und ausnahmslos hinter ihren Akteuren stand:

Wie der damals siebzehnjährige Neffe Stauffenbergs Anne verriet, gab es zwischen ihnen nicht einen einzigen Vorwurf für die Geschehnisse des 21. Juli 1944, nicht einmal einen Gedanken daran. Sie hätten alle mit Stolz hinter der Tat seines Onkels gestanden. Soviel Liebe in einer so grausamen Zeit, so starke Familienbande im Kreuzfeuer der Angst haben mich tief beeindruckt.

Insgesamt war der Roman Anne C. Voorhoeves brilliant.
Er erzählte von Geschichte und Schuld, ohne zu richten.
Er berichtete von Mut, wo vorher Angst war. Von dem Versuch einer Wiedergutmachung, nachdem man erkennen musste, dass man einen falschen Weg gewählt und den falschen Ideologien gedient hatte. Den falschen Männern, den falschen Verbrechern.
Und vor allem hat mir das Buch von einer Reihe beeindruckender Charaktere erzählt, über die ich nach seiner Lektüre noch soviel mehr erfahren möchte:

Claus Graf von Stauffenberg selbst, ebenso wie sein Bruder und seine Mitakteure.
Die Frauen der Familie von Stauffenberg, soviele weitere Widerstandskämpfer.
Vor allem aber hat mich die Person Melitta von Stauffenbergs mehr als alle anderen fasziniert:

Die Darstellung ihres Charakters war eine einzige Liebeserklärung an die Familie und an die Fliegerei. Als Pilotin und Ingenieurin so gut zu sein, dass sie als Halbjüdin dem Naziregime dienen konnte, nach dem Erkennen der eigenen Fehler am Attentat beteiligt zu sein, ohne dafür belangt zu werden und all diese Zufälle dann dafür zu nutzen, sich mit ihrer Position in der Flugwaffe dem Schutz ihrer Familie zu verschreiben, ihnen auf ihren weit verzweigten Wegen zu folgen und sie mit Kleidung, Nahrung, Essentiellem zu versorgen ...
Melitta von Stauffenberg war ein beeindruckender Mensch. Traurigerweise noch mehr, als sie bei dem Versuch starb, ihre Familie zu lieben und zu schützen.

Ich möchte mich noch einmal herzlich für einen so großartigen, so aufwühlenden, schockierenden, aber dennoch hingebungsvollen Roman bedanken, der für mich viel öfter gelesen werden sollte. Was auch immer man über die Schrecken der Kriegsjahre und ihrer Ideologien zu wissen denkt, man weiß noch längst nicht alles, noch immer nicht genug.

29.5.11 21:08
 


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