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Elf Minuten - Paulo Coelho.

Eine Art Märchen für Erwachsene:
Paulo Coelho schreibt hier über Liebe, Lust und Schmerz und darüber, wie stark ihre Wechselwirkung aufeinander sein kann.

Klappentext

Wie berührt man die Seele?
Durch Liebe oder durch Lust?
Kann man die Seele wie einen Körper berühren und umgekehrt?
Ein provozierendes modernes Märchen über die Alchimie der Liebe.


Der Autor

Paulo Coelho, geboren 1947 in Rio de Janeiro, begann nach ausgedehnten Reisen zu schreiben. Mit seinem Weltbestseller Der Alchimist wurde er "neben Gabriel García Márquez der meistgelesene lateinamerikanische Schriftsteller der Welt".

Persönlicher Eindruck

Paulo Coelho beginnt seinen Roman wie ein Märchen:
"Es war einmal eine Prostituierte namens Maria ..."
Dass das Leben aber selten ein Märchen ist, zeigt sich für seine Protagonistin schnell. Enttäuscht von Kinder- und Jugendlieben bringt sie der Zufall nach Genf, wo sie von einer Karriere als Sambatänzerin und einer ruhmreichen Rückkehr nach Hause träumt, sich aber letztlich als Prostituierte im Nachtclub Copacabana durchbringen muss.
In all dieser Zeit stumpft Maria ab, verkauft ihr Herz und ihre Seele, wird von nichts mehr im Inneren berührt. Schon gar nicht vom Sex, für den sie ihren Körper an Fremde verkauft.
Und dann, als sie die Entscheidung fällt, recht bald nach Hause zurückzukehren, begegnet ihr der Maler Ralf Hart.
Er, der das Interesse an körperlicher Liebe verloren hat und sich in eine Prostituierte verliebt.
Er, der ihr Licht sieht und so voller Energie ist, so anders als all die anderen Männer, denen sie im letzten Jahr in Genf und in ihrer Branche begegnet ist.
Und er, der ihre Entscheidung zu gehen und heimzukehren, so stark ins Wanken bringen soll.
Er lässt Maria zweifeln, gibt ihr neue Denkanstöße, wühlt sie auf und berührt sie dort, wo seit ihrer Grundschulzeit niemand mehr hingelangen konnte:
in ihrer Seele.

Vor einiger Zeit wurde ich bei Facebook Fan von Paulo Coelhos Seite, wo er fast täglich Zitate und Gedanken postet, die mich oft sehr tief berühren in ihrer schlichten Intelligenz. Ich mag seine Art zu denken und seinen Blickwinkel, mit dem er das Leben betrachtet, noch viel mehr. Er ist federleicht, oft ein wenig melancholisch, und wenn er mal nicht positiv ist, dann legt Coelho das Negative so aus, dass man doch etwas Gutes aus ihm ziehen kann. Das liebe ich an ihm.

Umso mehr enttäuschte mich der Anfang von Elf Minuten:
Maria in ihrer Naivität eines Mädchens vom Lande machte mich beinahe wahnsinnig. Diese Klischeebedienung, als sie von ihrer Kinderliebe ach so enttäuscht wurde, ließ mich schon früh viel von meiner Leselust verlieren. Als sie kurz darauf ihren Träumen folgt - also sich nach Strich und Faden hereinlegen lässt - und schließlich im Copacabana anfängt, wo sie ihr Herz verschließt und ihren Körper verkauft, war ich endgültig entmutigt. Mit dieser negativen Einstellung, nach Enttäuschungen den ganzen Sinn des Lebens infrage zu stellen und allem abzuschwören, was jenseits von Gut und Böse ist, fand ich die Wendung der Geschichte allzu dramatisch.
Als sie Ralf Hart kennelernt und ihre ersten Erfahrungen mit den speziellen Freiern macht, entwickelte sich bei mir aber so etwas wie ein "negativer Sog":
Das, was ich las, gefiel mir nicht. Aber das Buch aus der Hand legen konnte ich genauso wenig.
Und so folgte ich Maria weiterhin auf ihrem Weg, durch ihre inneren Abgründe hindruch und auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, was sie denn nun bitte tun solle.
Zum Ende hin überzeugten mich Coelhos Elf Minuten sehr viel mehr als sie es anfangs taten, auch wenn sie für mich dennoch sehr klischeelastig, allzu verträumt und monochrom blieben.

Vielleicht bin ich auch einfach kein Mädchen, dem solche Geschichten gefallen. Zufällig las nämlich meine Mitbewohnerin dieses Buch zur gleichen Zeit und wir kamen ins Gespräch. Als ich sagte, es gefiele mir nicht, widersprach sie mir:
Gerade weil Maria so ein Stereotyp war - ein Mädchen, das in die weite Welt hinauszieht, um Glück, einen tollen Mann, Liebe und Reichtum zu finden - hatte sie ihr gefallen, inklusive dem Roman selbst.
Ich dagegen sah es so, dass Coelho mit Klischees hantierte, die in ihrer Verträumtheit längst überholt waren.

Interessant war es schon, was er da geschrieben hatte.
Seine Gedankengänge zu dem Themenkonstrukt Liebe, Sex, Lust und Seelenbefinden wurden im Romanverlauf immer interessanter, immer spannender, immer heikler. Umso mehr gefiel mir sein Schlusswort:
Er erzählte von einem Mann, dem er einst begegnet war und der ihm sagte, seine Bücher würden ihn "zum Träumen bringen". Wohl wissend, dass Elf Minuten im Bezug auf das Thema Träume sehr aus dem Rahmen fiel, beendete er sein Buch mit folgenden Worten:
"Dieses Buch ist Ihnen gewidmet, Maurice Gravelines. Ich bin Ihnen, Ihrer Frau, Ihrer Enkelin verpflichtet. Aber vor allem mir selbst verpflichtet, über das zu sprechen, was mich beschäftigt, nicht über das, was alle gern hören würden. Einige Bücher bringen uns zum Träumen, andere führen uns zur Realität, aber mit keinem Buch darf der Autor aufgeben, was ihm am wichtigsten ist:
die Aufrichtigkeit, mit der er schreibt."

Als jemand, der selbst schreibt, habe ich mich in diese Schlussworte verliebt.

Für mich waren Coelhos Elf Minuten rückblickend ein sehr durchwachsenes Buch, das ich von ihm schon besser gelesen habe. Aber das ist okay, denn solange ein Buch Denkanstöße gibt, die man selbst weiterspinnen kann, sollte man nicht bereuen, es gelesen zu haben.
Enden lassen möchte ich meine Rezension mit einem Auszug, einer Metapher von der Seite 228. Sie hat mich sehr tief berührt, beeindruckt, fast traurig gemacht.
Danke dafür, Paulo Coelho.

Es war einmal ein Vogel.
Er besaß ein Paar vollkommener Flügel und glänzende, bunte, wunderbare Federn und war dazu geschaffen, frei am Himmel zu fliegen, denen zur Freude, die ihn sahen.
Eines Tages sah eine Frau diesen Vogel und verliebte sich in ihn. Sie schaute mit vor Staunen offenem Mund seinem Flug zu, ihr Herz schlug schneller, ihre Augen leuchteten vor Aufregung. Er bat sie, ihn zu begleiten, und beide schwebten in vollkommener Harmonie am Himmel. Und sie bewunderte, verehrte, feierte den Vogel.
Aber dann dachte sie: Vielleicht möchte er ferne Gebirge kennenlernen!
Und die Frau bekam Angst. Fürchtete, dass sie so etwas mit einem anderen Vogel nie wieder erleben könnte. Und sie wurde neidisch auf den Vogel, der aus eigener Kraft fliegen konnte.
Und sie fühlte sich allein.
Und dachte: "Ich werde dem Vogel eine Falle stellen. Wenn er zurückkommt, wird er nie wieder wegfliegen können."
Der Vogel, der auch verliebt war, kam am nächsten Tag zurück, ging in die Falle und wurde in einen Käfig gesteckt.
Die Frau schaute täglich nach dem Vogel. Er war ihre ganze Leidenschaft, und sie zeigte ihn ihren Freundinnen, die meinten: "Du hast vielleicht ein Glück."
Dennoch vollzog sich eine merkwürdige Veränderung:
Seit sie den Vogel besaß und ihn nicht mehr zu erobern brauchte, begann sie das Interesse an ihm zu verlieren. Der Vogel, der nicht mehr fliegen konnte, was den Sinn seines Lebens ausmachte, wurde schwach, glanzlos, hässlich. Die Frau beachtete ihn nicht mehr, fütterte ihn nur noch und reinigte seinen Käfig.
Eines Tages starb der Vogel. Die Frau war tieftraurig und konnte ihn nicht vergessen. Aber sie erinnerte sich dabei nicht an den Käfig, nur an den Tag, an dem sie den Vogel zum ersten Mal gesehen hatte, wie er fröhlich zwischen den Wolken dahinflog.
Hätte sie genauer in sich hineingeschaut, so hätte sie bemerkt, dass das, was sie am Vogel so sehr begeisterte, seine Freiheit war, sein kräftiger Flügelschlag, nicht sein Körper.
Ohne den Vogel verlor auch für die Frau das Leben seinen Sinn, und der Tod klopfte an ihre Tür.
"Wozu bist du gekommen?", fragte sie den Tod.
"Damit du wieder mit dem Vogel zusammen am Himmel fliegen kannst", gab der Tod zur Antwort. "Wenn du ihn hättest fliegen und immer wiederkommen lassen, hättest du ihn geliebt und noch mehr bewundert; aber nun brauchst du mich, um ihn wiederzusehen."


/
11.6.11 18:55
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Anne (3.3.13 19:24)
Ich hätte es nicht besser ausdrücken können.

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