untitled | yvi @ the vision
Erinnerungen einer Negerhure - Grisélidis Réal.

Mein herzlicher Dank gilt dem Piper - Verlag, der mir durch ein Leseexemplar dieses Buches eine Rezension erst ermöglicht hat.

Klappentext

"Gesegnet sind sie, die Schwarzen, ihre glänzenden Basaltkörper feiern den Verzicht auf das Licht. Ja, wir haben einander geliebt, wir haben uns aneinander berauscht, wir haben einander zerstört zu den heiseren Schreien des Jazz."

In ihren Erinnerungen beschreibt die Prostituierte Grisélidis Réal ein kaum bekanntes Deutschland Anfang der 1960er Jahre. Ihre Heiligen sind die Huren in den Bars und die Zigeunerinnen, die in Wagen vor der Stadt wohnen und die Nazis vergessen müssen. Und ihre leidenschaftlich Geliebten werden die amerikanischen GIs, die das Heimweh auf sommerlichen Cadillac-Korsos und im Marihuanarauch der Dancings ersticken.


Die Autorin

Grisélidis Réal, 1929 in Lausanne geboren, verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Ägypten und Griechenland. Sie studierte an der Kunstgewerbeschule in Zürich und ging Anfang der 60er Jahre mit ihren Kindern nach Deutschland.
Dort fing sie an, sich zu prostituieren, zunächst aus Not und bald aus freien Stücken. In den 70er Jahren war sie in der Prostituiertenbewegung in Paris und Lyon aktiv und wurde zur catin révolutionnaire, zur Revolutionärin unter den Huren (Le Monde).
1974 erschien ihr autobiografischer Roman erstmals in Paris, dann 2005 unter immenser Beachtung in einer Neuauflage. Im selben Jahr stirbt Grisélidis Réal.

Persönlicher Eindruck

Wenn man vor der Frau den Hut ziehen wollte, dann vor allem dafür, dass sie all ihre Gedanken, Ansichten, Sehnsüchte und Erlebnisse in sehr offenen Worten niederschrieb:
Grisélidis Réal erzählt ohne die Auslassung eines einzigen Details von ihrem Leben als Prostituierte auf den deutschen Straßen der 1960er Jahre, erzählt von all ihren Fetischen, ihren Geliebten, ihren Freiern, ihren Bewegungen, ihren Freunden, ihren Feinden, ihren Krankheiten und ihren Problemen.
Dabei spricht und schreibt sie stets in Worten, die mir bewusst grob erschienen und damit ein Maximum an Provokation erreichten, darüber sogar noch hinausgingen. Ihre Sprache ist mir so in der Literatur noch nicht begegnet.
Und trotz dieser Aspekte und der Tatsache, dass Grisélidis Réal das Zeitzeugnis einer Szene ablegte, über die ich zuvor noch wenig wusste und über die auch im Allgemeinen wenig geschrieben und gesprochen wird, blieben ihre Worte für mich leer, sie bewegten für mich nichts. Vielleicht kann ich mich einfach zu wenig mit ihrem Leben von damals identifzieren und mit der Szene, in der sie sich bewegte.
Aber ihre Autobiografie hätte ich nicht vermisst, wenn ich sie nicht gelesen hätte. Die Menschen in ihr haben mich trotz ihres Grenzgängertums wenig fasziniert, denn ich hatte immer den Eindruck, dass sie auch eine andere Art von Leben hätten wählen können. Irgendwann formuliert Grisélidis es in ihren eigenen Worten selbst am besten:

"Mögen alle, denen dieses Buch nicht gefällt, es einfach in den Müll werfen. Es wird es dort wärmer und zärtlicher haben als in unbefugten Händen."

Eine letzte Frage blieb für mich nach dem Zuschlagen des Buchdeckels dennoch hängen:
Wer hat sich denn den Titel für die deutsche Übersetzung ausgedacht? Im Original heißt das Buch nämlich Le Noir est une Couleur.

/
25.6.11 19:33
 


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