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Alles, was wir geben mussten - Kazuo Ishiguro.

Ein Buch, das den Leser in all seiner Subtilität dennoch sehr verwirrt, fast schon verstört, zurücklässt.

Klappentext

Ein großer Sportplatz, freundliche Klassenzimmer und getrennte Schlafsäle für Jungen und Mädchen – auf den ersten Blick scheint Hailsham ein ganz gewöhnliches englisches Internat zu sein. Aber die Lehrer, so engagiert und freundlich sie auch sind, heißen hier Aufseher, und sie lassen die Kinder früh spüren, dass sie für eine besondere Zukunft ausersehen sind. Dieses Gefühl hält Kathy, Ruth und Tommy durch alle Stürme der Pubertät und Verwirrungen der Liebe zusammen – bis es an der Zeit ist, ihrer wahren Bestimmung zu folgen …

Der Autor

Kazuo Ishiguro, 1954 in Nagasaki geboren, kam 1960 nach London, wo er Englisch und Philosophie studierte.
Schon sein Erstling Damals in Nagasaki wurde mit dem Winifred-Holtby-Award der Royal Society of Literature ausgezeichnet. Es folgten zahlreiche weitere Preise und Auszeichnungen. 1989 erhielt er für seinen Weltbestseller Was vom Tage übrigblieb, der von James Ivory mit Emma Thompson und Anthony Hopkins verfilmt wurde, den Bookerprize.
Ishiguros Werk wurde bisher in 28 Sprachen übersetzt, der Autor lebt heute mit seiner Familie in London.

Persönlicher Eindruck

Ich glaube, dass manche Bücher ihre volle Wirkung erst rückblickend entfalten, vielleicht ein paar Tage nach dem letzten Zuschlagen des Buchdeckels, wenn sich die offenen Fragen gelegt und der Romanverlauf seinen Platz in den Gedanken gefunden hat. Dort, wo er wirken kann.
Alles, was wir geben mussten war für mich eines jener Bücher. Dabei war es in seinen Grundzügen eher schlicht:
Ishiguro hat eine klare, fast schmucklose Sprache und die Tatsache, dass die Erzählperspektive aus den Erinnerungen Kathys besteht, die sie direkt an den Leser richtet, schafft eine Nähe, die wie selbstverständlich wirkt.
Und auch inhaltlich beginnt Ishiguros Roman eher gewöhnlich:
Er lässt seine Protagonisten von ihren Tagen in Hailsham erzählen, einem englischen Internat, wie man leicht denken könnte. Kathy selbst sticht nicht besonders heraus, ist ein nettes und kluges Mädchen, durchläuft in ihrer Jugend all die freundschaftlichen und von Liebe geprägten Beziehungen, die auch alle anderen Menschen erleben.
Das Besondere schafft eigentlich erst der Handlungsrahmen und auch wenn er im Verlauf der Erzählung nie so wirklich eine Hauptrolle einzunehmen scheint, so steht und fällt die Handlung doch mit ihm. Er ist es, der die essentiellen Fragen nach der Beziehung zwischen Ethik und Wissenschaft aufwirft und er ist es auch, der diese in den Raum stellt und ihn mit dem letzten Satz wieder verlässt, seine Fragen mitnehmend.

Auch wenn dem Leser recht schnell bewusst wird, worum es in Alles, was wir geben mussten geht:
Klar zur Sprache gebracht wird das Thema kaum. Oder, ein wenig anders ausgedrückt:
Seine Selbstverständlichkeit sorgt dafür, dass niemand der Romanhelden es klar ausformuliert, es vielleicht auch kritisiert. Das hat mir ein wenig gefehlt, diese mangelnde Revolte und gleichzeitig dieses Hinnehmen von (vielleicht falschen) Tatsachen, wo doch eigentlich Auflehnung sein sollte. Beim Lesen habe ich mich sehr an den Film Die Insel erinnert gefühlt.

Vielleicht ist es aber auch das, was Ishiguros Roman ausmacht:
Dass einem die Idee des Buches - im Grunde genommen Wahnsinn - so natürlich und elemantar vorkommt, dass sogar die Betroffenen selbst sie ohne weiteres Aufbegehren hinnehmen. Das vergrößert ihren Schrecken bei genauerem Nachdenken fast ins Maximale:
Wo beginnen unsere Grenzen, die auch die Wissenschaft nicht antasten darf?
Was macht das Menschsein eigentlich aus - ist es Empfindung, ist es Ratio, ist es Herz? Ich erinnere mich zum Beispiel an die Szene, in der Kathy beschreibt, wie sie einen Sommer lang alle zusammen auf der Wiese vor Hailsham saßen und gemeinsam Musik gehört haben:

"In diesem Sommer hatten wir eine neue Marotte entwickelt, die so lange anhielt, bis es mit dem warmen Wetter zu Ende ging, nämlich auf der Wiese zu sitzen und gemeinsam Musik zu hören. Seit dem Basar im Jahr zuvor gab es in Hailsham Walkmen, und in diesem Sommer waren mindestens sechs davon im Unlauf. Unser Spleen bestand darin, dass wir zu mehreren um einen einzigen Walkman im Gras saßen und den Kopfhörer reihum gehen ließen. Gut, das scheint nicht unbedingt die intelligenteste Art zu sein, Musik zu hören, Tatsache ist aber, dass dabei eine tolle Stimmung entstand."

Wer könnte bei diesen Worten sagen, dass es nicht die Gedanken einer ganz normalen Sechzehnjährigen sind?

Dieser Balanceakt und weitere Szenen dieser Art waren es, die als Thematik so faszinierend, wenn auch nicht wirklich neu waren. Genauso wie den Protagonisten ab und an das Markante in ihren Zügen fehlte, plätscherte die Handlung eher nur so dahin ...
Was nicht bedeutet, dass es die Faszination der Grundidee mindert. Dies ist nur ein erster Eindruck, nachdem ich das Buch vorhin beendet habe. Aber um den Kreis zu schließen und zu meinen Anfangsworten zurückzukehren:
Das Gefühl, dass es erst rückblickend vollkommen wirken kann, bleibt. Vielleicht sind da morgen, übermorgen weitere Aspekte dieses Buches, die mich nicht mehr loslassen.

/
2.7.11 22:40
 


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