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Beim Leben meiner Schwester - Jodi Picoult.

Ein sehr aufwühlendes Buch, das eine große Menge an Emotionen transportiert. Zumindest solange, bis das Ende alles bisher Aufgebaute wieder in sich zusammenfallen lässt.

Klappentext

Ohne ihre Schwester Anna kann Kate Fitzgerald nicht leben:
Sie hat Leukämie.
Doch eines Tages weigert sich die dreizehnjährige Anna, weiterhin Knochenmark für ihre todkranke Schwester zu spenden ...


Die Autorin

Jodi Picoult, geboren 1967 auf Long Island, New York, zog nach ihrem Studium in Princeton und Harvard die Schriftstellerkarriere einer akademischen Laufbahn vor.
1992 veröffentlichte sie ihren ersten Roman Songs of the Humpback Whale, der sofort zu einem großen Erfolg wurde.
Es folgten diverse Preise und Auszeichnungen. Heute lebt sie zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Hanover, New Hampshire.

Persönlicher Eindruck

Was Jodi Picoult hier als Herzstück ihres Romans gewählt hat, ist kein Thema für eine leichte Nebenbeilektüre:

Als die kleine Kate zwei Jahre alt ist, wird bei ihr APL festgestellt, eine besonders aggressive Form der Leukämie.
Schon allein dieser Anfang der Geschichte lässt einem das Herz schwer werden, denn kleine Kinder sollten nicht todkrank sein. Als jemandem, der in der Rolle der großen Schwester viel Zeit in der Tübinger Kinderklinik verbracht und viele traurige Kinderaugen und ausgezehrte Eltern gesehen hat, ging mir bereits das sehr nahe und berührte mich zutiefst.
Die Entscheidung der Fitzgeralds, eine zweite Tochter zu bekommen, die die genetischen Eigenschaften Kates in sich trägt, kann aus zwei Perspektiven gesehen werden.
Die einen sprechen von elterlicher Liebe, die anderen schreien vorwurfsvoll: "Designerbaby!"

Dies sind die Dreh- und Angelpunkte von Picoults mitreißender Geschichte und genau deswegen fand ich auch ihre Entscheidung, aus verschiedenen Perspektiven zu schreiben, brillant. Denn immer dann, wenn man als Leser Gefahr lief, etwas schwarzweiß zu sehen und Ereignisse allzu vorschnell zu beurteilen, wendete sich das Blatt im nächsten Menschen, der zu Wort kam:

Man lernt Sara anfangs als überforderte Mutter und kämpfende Löwin kennen, die für Kate alles tun und noch mehr riskieren würde. Noch mehr, das könnte beispielsweise Annas Gesundheit sein, die ihre Entscheidung, vor Gericht zu gehen, ihrem Anwalt Campbell gegenüber irgendwann mit dem Unwillen begründet, weiterhin als menschliches Ersatzteillager für ihre Schwester zu fungieren.
Und als Sara dann auf die schärfsten Fragen im Zeugenstand mit der schlichten Begründung der Mutterliebe gegenüber einem sterbenden Kind antwortet, ist man ganz schnell wieder machtlos:
Man baut auch eine Sympathie ihr gegenüber auf.
Mann kann kaum anders.

Dies war das wirklich Raffinierte an Picoults Geschichte. Sie alle waren durch ihr ganz persönliches Drama miteinander verbunden und sie alle hätten den Lauf der Dinge gerne anders gehabt, aber ganz egal, wieviel Kraft, Zeit und Gesundheit sie auch investierten, niemand von ihnen konnte sich letztendlich gegen den Lauf der Welt und vor allem Kates Gesundheitszustand stellen.
Dass sie auch ihre Fehler machten, ist verständlich, ist menschlich. Mir gefiel, dass Jodi Picoult immer so geschrieben hat, dass man sich als Leser nicht in Versuchung fühlte, zu verurteilen. Vielleicht fühlte es sich für mich nur so an, weil ich das Schicksal der Fitzgeralds nachvollziehen kann ...
Aber im Angesicht all des Kummers war die Frage nach der Schuld für mich nicht die wichtigste von allen, die offen im Raum stehen geblieben ist.

Anna als Charakter berührte mich ebenfalls sehr.
An irgendeiner Stelle des Romans steht sie im Wohnzimmer ihrer Familie und betrachtet die aufgestellten Fotografien auf den Regalbrettern. Sie sieht Familienbilder, sie sieht Kinderfotos, sie sieht ihren Bruder Jesse aufwachsen und sie sieht Kate, Kate, Kate. Aber sie sieht sich kaum selbst, denn ich werde mit einem einzigen Srpung vom Säugling zur Zehnjährigen.
Ihre Gedanken dazu formuliert sie so und ich finde es eine traurig-schöne Sichtweise der Dinge, prägend dafür, wie sie ihre Rolle in der Familie wahrnimmt:

Ein Foto sagt:
"Du warst glücklich, und das wollte ich festhalten."
Ein Foto sagt:
"Du warst mir so wichtig, dass ich alles andere weggelegt habe, um dir zuzuschauen."


Mir gefiel also vor allem die Herangehensweise an diesen sicher nicht einfachen Roman, die Verwebung von Verzweiflung, Liebe, Fehlern. Mir gefiel das Eingeständnis, dass es eigentlich keine klare Antwort auf all die aufgeworfenen Fragen gibt, keine klare Eingeständnis von Schuld. An diesem Punkt hätte Jodi Picoult in meinen Augen aufhören müssen, um nicht all ihre Arbeit wieder in sich zusammenfallen zu lassen.



Bereut, Beim Leben meiner Schwester gelesen zu haben, habe ich natürlich dennoch nicht.
Es war ein Buch, das mit Fachwissen und großen, fast überwältigenden Emotionen glänzte, ein Buch voller Hingabe und Menschlichkeit. Mein Tribut gilt all seinen Protagonisten.

/
7.8.11 16:26
 


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