untitled | yvi @ the vision
Die Lügen, die wir erzählten - Judy Blundell.

Ein Buch, das ich innerhalb von wenigen Stunden verschlungen habe, so sehr wusste es mich zu fesseln.

Klappentext

USA, 1947.
Der Krieg ist vorbei und die Menschen sehnen sich nach den schönen Dingen des Lebens. Kino, Konsum und Reklame prägen den Alltag.
Auch die fünfzehnjährige Evie hat Sehnsucht - nach Lippenstift, Nagellack und nach der großen Liebe.
Als sie Peter, einem ehemaligen Soldaten, begegnet, scheinen all ihre Träume in Erfüllung zu gehen. Doch Peter hütet ein Geheimnis, das Evies Familie für immer zu zerstören droht ...


Die Autorin

Judy Blundell lebt zusammen mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter in Katonah, New York. Unter einem Pseudonym hat sie viele New-York-Times-Bestsellerromane geschrieben.

Persönlicher Eindruck

Evie Spooner wächst im Amerika der Nachkriegsjahre auf, dort, wo der Zucker nicht mehr rationiert ist:

Die Menschen umarmen voller Liebe und Tränen in den Augen ihre Heimgekehrten, sie gehen ins Kino und trinken Cola, sie rauchen die Zigaretten nur so dahin, sie fahren in den Urlaub und sie lachen, sie versuchen nur noch glücklich zu sein.
Sie versuchen, den Schrecken des Krieges hinter sich zu lassen, Neues auf den Überresten des Alten wieder aufzubauen.

Dass dies jedoch gar nicht so leicht ist, merken auch Evie, ihre Mutter und ihr Stiefvater Joe, als in ihrem Urlaub in Palm Beach plötzlich Peter Coleridge auftaucht, der als Soldat an der Seite ihres geliebten Stiefvaters Joe im Krieg gekämpft hat. Die Dinge spitzen sich nach seinem Auftauchen zu, die Gefühle werden dichter, wilder. Solange, bis sie in einer Esakalation enden.

Mir hat an Judy Blundells Roman vor allem gefallen, wie echt ihre Protagonistin Evie wirkte. Als junges Mädchen konnte ich mich bedingungslos in ihren Worten und ihren Gefühlen wiederfinden. Ich sah mich in der Art, wie sie die Kleider ihrer Mutter anprobierte und Puder auftrug, ich sah mich in ihrem Verlangen, schön und begehrenswert und erwachsen zu sein wie ihre Mutter Beverly, in deren Schatten sie stets stand.
Ich erkannte mich in ihrer Geste, sich an einem Punschglas auf einer ersten Tanzveranstaltung festzuhalten:

"Ich ging direkt zum Punsch und goss mir etwas von der roten Flüssigkeit in ein Kristallglas. Ganz langsam, als hoffte ich, irgendein Junge würde herüberkommen und das Einschenken übernehmen. Keiner kam."

Sie war es, die einen im Verlauf des Romans grenzenlos faszinierte, sie und ihre Entwicklung. Die Tatsache, dass es in Wahrheit wahrscheinlich die Erwachsenen in ihrer Umgebung waren, die sie beeinflussten, prägten und letztendlich zur Lügnerin machen - oder entschied sie sich selbst dafür?
Jedenfalls harmoniert hier für mich alles in einer perfekten Konstellation. Geschichte, Cover, Titel (wobei er mir im Englischen mit What I saw and how I lied sogar fast noch ein bisschen besser gefällt).



Die Art, wie Judy Blundell (und Mirjam Pressler in einer sehr gelungenen Übersetzung!) am Ende ihres Romans ihre Protagonisten und die offenen Fragen in der Luft eines Gerichtssaals hängen lässt, war ebenfalls brillant. Sie sagte kein Wort zuviel, gab keine Antwort extra, die die Grundstimmung des Buches hätte ruinieren können.

Stattdessen waren ihre Worte voller Sehnsucht, voller Überfluss der Nachkriegsjahre und der noch nicht getilgten Schulden, voller Aufbruch, voller Liebe, doch auch voller Lügen und voll von den Intrigen, die ihnen vorausgingen.
Aber es war hauptsächlich die Sehnsucht, die überwog. Deswegen möchte ich meine Rezension mit den Worten Evie Spooners selbst enden lassen:

"Ich hatte mir immer einen Vater gewünscht. Irgendeinen. Einen strengen, einen lustigen, einen, der mir rosa Kleider kaufen würde, einen, der lieber gehabt hätte, wenn ich ein Junge geworden wäre. Einen, der herumreiste, einen, der sich nie aus dem Sessel erhob. Einen Arzt, einen Rechtsanwalt, einen Indianerhäuptling, ich wünschte mir Reste von Rasierschaum im Waschbecken und ein Pfeifen auf der Treppe. Ich wollte Hosen, die an den Aufschlägen am Kleiderbügel hingen. Ich wünschte mir Kleingeld, das in einer Hosentasche klimperte, und Eiswürfel in einem Cocktailglas abends um halb sechs. Ich wollte meine Mutter hinter einer verschlossenen Tür lachen hören."

22.8.11 00:51
 


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