untitled | yvi @ the vision
Lea - Pascal Mercier.

Eine Geschichte der grenzenlosen Hingabe:
an die Musik, für einen geliebten Menschen.

Klappentext

Die achtjährige Lea hat sich nach dem Tod der Mutter in eine eigene Welt zurückgezogen, zu der auch der Vater keinen Zutritt hat. Erst der Klang einer Geige holt sie ins Leben zurück. Lea erweist sich als außerordentliche musikalische Begabung, und schon bald liegen ihr Publikum und Musikwelt zu Füßen. Doch während Lea von Erfolg zu Erfolg eilt, treibt es ihren Vater immer tiefer in die Einsamkeit. Bei dem verzweifelten Versuch, die Liebe seiner Tochter zurückzugewinnen, verstrickt er sich in ein Verbrechen, das alles verändert ...

Der Autor

Pascal Mercier, 1944 in Bern geboren, lebt in Berlin. Bekannt und geachtet machten ihn vor allem Werke wie Perlmanns Schweigen, Nachtzug nach Lissabon und Der Klavierstimmer. 2007 wurde Mercier in Italien mit dem Premio Grinzane Cavour für den besten ausländischen Roman geehrt.

Persönlicher Eindruck

Nach dem Tod seiner geliebten Frau Cécile bleibt Martijn van Vliet nur noch seine kleine Tochter Lea, mit der er plötzlich alleine im Leben steht. Dabei waren Kinder nie Teil seines Planes, er fühlte sich ihrer Liebe und Erziehung nie gewachsen. Ähnlich ergeht es ihm mit Leas Erstarrung nach dem Tod der Mutter. Als sie schließlich der Klang einer Geige in einer überfüllten Bahnhofshalle wieder ins Leben zurückholt, ist es für Martijn van Vliet selbstverständlich, dass er alles tut, um diese Lebendigkeit seiner Tochter festzuhalten:
Er kauft ihr ihre erste Geige, er engagiert die faszinierende wie anspruchsvolle Marie Pasteur als ihre Geigenlehrerin, er reist mit ihr um die Welt und feiert ihre Erfolge. Zumindest solange und nur dann, wenn Lea ihn lässt, denn das Talent des Mädchens wächst sich in Sphären aus, die Martijn van Vliet auch als Vater nicht mehr zu greifen weiß. Ihr verrutschen die Sätze, aus ihrem Können heraus entfaltet sich die Arroganz der Perfektion, Lea stellt ausnahmslos alles andere hinter ihre Geige und sich selbst. Das geht solange gut, wie das Mädchen und ihr Geigenspiel von Erfolgen begleitet werden. Als diese nachlassen, verlieren Martijn und Lea beide plötzlich jeglichen Blick für die Realität.

Ich muss zugeben, dass Merciers Lea eine starke Faszination auf mich ausübte, aber es war eher eine Faszination im negativen Sinne:
Oft erschienen mir die Geschichte, ihre Charaktere und die Art, wie sie erzählt wurde, allzu pathetisch. Gleichzeitig hafteten aber genau diesem besonderen Erzählstil eine Selbstverständlichkeit der Dinge und eine Gefühlsdichte an, die mich vor allem in den letzten Passagen sehr getroffen haben, anders kann ich es kaum sagen. Lea - sowohl das Buch, als auch die Protagonistin - ist wie ein zweischneidiges Schwert, glaube ich. Auf der einen Seite bleibt sie einem durch die Überheblichkeit ihrer Kunst, die aus ihrer Perfektion resultiert, stets ein wenig fremd. Sie strahlt emotionale Kühle aus, die nicht nur ihr Vater Martijn van Vliet spüren muss, auch beim Leser kommt diese an. Und dann wieder gibt es Momente, in denen das kleine Mädchen, das sie einst war, weinend in einer Umarmung Trost sucht. In seinem Nachwort sagt Pascal Mercier etwas zum Subjekt seiner Novelle Lea und ich glaube, mit diesen Worten trifft er die Entwicklung der Charaktere und den Verlauf der Geschichte selbst perfekt:

"Dieses Buch handelt von einer Erfahrung, die wir uns ungern eingestehen:
Auch diejenigen Menschen, mit denen wir durch große Intimität verbunden sind, können uns fremd werden. Ein unerwartetes Ereignis, eine unmerkliche Veränderung der Situation, eine überraschende Bemerkung:
Mit einemmal erscheint eine Person, mit der wir uns eng verbunden fühlten, fremd, und wir haben das Gefühl, sie zu verlieren."


Im Licht dieser Worte erscheint einem alles, was Martijn van Vliet in seiner Rolle als liebender Vater getan hat, erschreckend selbstverständlich. Rational gesehen weiß man natürlich, wie verhängisvoll jeder seiner Schritte letztlich hätte werden können oder geworden ist, aber im Moment des Sprechens hat man einen ganz anderen Blick auf die Dinge. Man hört dem groß gewachsenen Mann zu, der seine Hände vom Steuer nehmen muss, wenn ihm ein LKW entgegenkommt - aus Angst, er könnte es herumreißen und dem Tod entgegensteuern. So ist Martijn van Vliet, so sind seine Ansichten, das ist die Geschichte, die er erzählt. Dicht, pathetisch, menschlich, emotional und nahe. In diesem Sinne ist Lea nicht das beeindruckendste Buch, das ich jemals gelesen habe, aber es trifft einen sehr.

/
18.9.11 19:41
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen
Gratis bloggen bei
myblog.de