untitled | yvi @ the vision
Ausgeliehen - Rebecca Makkai.

Im vergangenen Oktober begann für mich ein Leben, das neu und anders war. Ich war nicht mehr länger eine Freiwillige im sozialen Jahr, ich änderte meinen Wohnort, meinen Status und gestaltete meinen Alltag neu. Ich sagte mich von einer alten Liebe los und der Rhythmus, in dem ich nun lebte, war ein vollkommen anderer. Die Dinge bewegten sich auf neuen Bahnen, in höherem Tempo. Neben Fachliteratur für die Uni habe ich nur noch wenig gelesen, deswegen freut es mich nun umso mehr, die erste Rezension seit dem 25. September 2011 veröffentlichen zu können.

Mein herzlicher Dank gilt vorablesen, die mir diese durch ein Leseexemplar ihres Buches erst ermöglichten.

Klappentext

Der 10-jährige Ian ist süchtig nach immer neuen Geschichten. Lucy Hull ist Bibliothekarin in der Stadtbücherei von Hannibal - und seine Komplizin. Sie hilft ihm, die geliehenen Bücher an seiner herrischen Mutter vorbei zu schmuggeln. Als Lucy eines Morgens zur Arbeit kommt, traut sie ihren Augen kaum:

Ian kampiert, umgeben von Decken, T-Shirts und Büchern, zwischen den Regalen. Pflichtbewusst will Lucy den Ausreißer nach Hause bringen, doch Ian hat einen anderen Plan:

Geschickt lotst er sie mitten hinein in eine abenteuerliche Reise quer durch die USA. Doch wer hat hier wen entführt? Und läuft wirklich nur Ian vor seinen Eltern davon?


Die Autorin

Rebecca Makkai, geboren 1971, ist Lehrerin und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Chicago. Ihre Erzählungen erschienen u. a. in der 2008 von Salman Rushdie und 2009 von Alice Sebold herausgegebenen Anthologie The Best American Short Stories.
Ausgeliehen
ist ihr erster Roman.

Persönlicher Eindruck

Was der Klappentext dem Leser gibt, ist das Versprechen, von einer ebenso klugen wie bezaubernden Liebeserklärung an das Lesen zu erzählen. Dieses Versprechen hält leider nur die hübsche Umschlaggestaltung.

Ich muss zugeben, dass ich mich im ersten Drittel des Buches furchtbar gelangweilt habe ("Oh nein, noch mehr als 250 Seiten!"). Lucy war als Protagonistin zwar nicht unsympathisch, aber eher grau und facettenlos. Ian war eine nette Idee, aber bis auf seine markante Liebe zu Büchern auch niemand, der in den Gedanken haften blieb. Seine Eltern waren mit ihrem evangelikalen Fanatismus und der Idee, ihr kleiner zehnjähriger Sohn müsse nun wirklich schwul sein, kaum zu ertragen. Lucys Vater war verschroben, die Nebencharaktere blieben auch nicht wirklich präsent und verloren sich auf den folgenden Seiten. Der Einstieg in die Geschichte war langatmig, trotz der wirklich netten Grundidee, die Rebecca Makkai für ihren ersten Roman hatte.

Was für mich Ausgeliehen vor dem endgültigen Urteil eines langweiligen Buches bewahrt hatte, war letztlich Lucys Familiengeschichte, die in ihre und Ians Zwischenstopps bei Lucys Eltern und den Labaznikows, alten Freunden aus der UdSSR, eingebettet war. Mein Bild von Lucys Vater wandelte sich. Ich erkannte die Liebe und das Lächeln in den Erzählungen von seinem Hang zur namenlosen Kriminalität, ich mochte es, bei den Fragen nach Schuld, Heimat und Flucht ernst und nachdenklich zu werden. Ich verliebte mich in den Gedanken, dass wir die Verbindungen, die uns zeitlebens begleiten, wohl nie ganz kappen werden. Die alte Geschichte von Wasser und Blut. Da auch meine eigenen Wurzeln in Russland liegen, konnte mich Rebecca Makkai mit diesem Zweig ihrer Geschichte vollkommen für sich einnehmen.

Alles andere, was die beiden auf ihrer Reise sonst noch so erleben, ist eigentlich schnell erzählt:

Lucys Angst vor einer dramatischen Festnahme, billige Motels, heimlich gerauchte Zigaretten, Fast-Food-Restaurants und kurze interessante Sequenzen, in denen eine längst verstorbene Urururururgroßmutter und ein Held mit dunklem Jacket und Sonnenbrille die Hauptrollen spielen. Nichts Spektakuläres und nichts, das brilliert. Erst der Epilog stimmte mich dann doch endgültig versöhnlich:

"Hier, geduldige Zuhörer, ist er, euer beruhigender Epilog. Stellt ihn euch glücklich vor. Stellt ihn euch vor, wie er sich im Kreis dreht. Wenn ich das nicht glauben würde, könnte ich morgens nicht aufstehen. Stellt ihn euch vor, wie er die Listen acht Jahre lang versteckt. Stellt euch seinen Himmel vor, wo er nach Herzenslust durch Charaktere und Bücher schwebt. (Träumen wir ihn uns als König, als Riesen, als Kind, das fliegen kann.) Stellt ihn euch mit der Taschenlampe unter seiner Decke vor. Diese Welt müsste für eine glückliche Ewigkeit ausreichen. Für den Moment müsste sie ihn retten.
Sagen wir, dass sie es tut."


Und in diesen letzten Sätzen, den für mich besten Sätzen des gesamten Buches, steckt für mich doch ein wenig von dem Versprechen einer Geschichte, die den Leser zu bezaubern vermag.

/
10.6.12 21:56
 


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