untitled | yvi @ the vision
Zeit der Gespenster - Jodi Picoult.

Ein wundervolles Buch, das die Geschichte von Liebe und den Geistern der Vergangenheit erzählt, die uns bis in die Gegenwart hinein heimsuchen.

Klappentext

Ross Wakeman war für alle nur ein riesengroßer Glückspilz. Wie viele Unfälle und Gefahren hatte er wie durch ein Wunder lebend überstanden. Und ebenso sicher, wie er wusste, dass morgen die Sonne aufgehen würde, wusste er inzwischen auch, dass er nicht sterben konnte - obwohl er sich nichts sehnlicher wünschte. Denn in einem tragischen Unfall hatte er seine geliebte Frau Aimee verloren. Nun hatte Ross nur ein Ziel, nämlich mit den Geistern der Toten Kontakt aufzunehmen, um endlich wieder mit Aimee sprechen zu können. Vielleicht schien Ross deshalb den Menschen im kleinen neuenglischen Comtosook der ideale Vertraute, wenn es darum ging, Geister aus ihren Häusern zu vertreiben. Einer von ihnen heißt Spencer Pike:

Auch er hofft auf Ross, denn er will auf einem indianischen Grundstück ein Bauprojekt realisieren - und stört damit die Ruhe der Geister auch seiner eigenen schauerlichen Vergangenheit.


Die Autorin

Jodi Picoult, geboren 1967 auf Long Island, New York, zog nach ihrem Studium in Princeton und Harvard die Schriftstellerkarriere einer akademischen Laufbahn vor.
1992 veröffentlichte sie ihren ersten Roman Songs of the Humpback Whale, der sofort zu einem großen Erfolg wurde.
Es folgten diverse Preise und Auszeichnungen. Heute lebt sie zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Hanover, New Hampshire.

Persönlicher Eindruck

Dies war nach Beim Leben meiner Schwester mein zweiter Roman von Jodi Picoult. Je mehr ich von ihr lese, desto mehr reißen ihre Geschichten mich mit.

Diese hier handelt von einem Geist, der durch seinen Spuk die Baupläne auf einem alten Grundstück durchkreuzt, das einst den Abenaki-Indianern gehörte. Dieser Geist, der keine Ruhe finden will, hält eine an Menge Veränderungen bereit für die Menschen im verschlafenen Comtosook, Vermont:

Mitten im August gefriert der Boden plötzlich zu Eis und es regnet Blütenblätter. Kaffeemaschinen kochen nur noch Limonade und ein Haus, das gestern abgerissen worden war, errichtet sich über Nacht wie von selbst wieder.

Ich war zunächst ein wenig skeptisch, denn ich bin keine große Bewunderin von Geistergeschichten. Aber Jodi Picoult verpackte ihren Roman in Facetten, die mich nicht mehr losließen. Er handelte von unserem Wesen, sich an Vergangenes zu klammern, und von Schwüren und Liebe und dem Verzeihen. Er erzählte davon, wie Tote, die wir einst liebten, sich noch heute durch unser Leben bewegen. Und er handelte von einem dunklen Kapitel amerikanischer Geschichte, das noch bis heute weitgehend verschleiert wird: der Eugenik. Dieser Aspekt der Geschichte - als Geschichte - fesselte mich am stärksten:

In den 1920er und 1930er Jahren gab es in Burlington im Staate Vermont ein Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hatte, Menschen mit degenerativen Veranlagungen zum Wohle der Wirtschaft daran zu hindern, ihre angeblich schlechten Gene an eine nächste Generation weiterzugeben. Die Verantwortlichen waren fortschrittlich denkende Wissenschaftler, Ärzte, Juristen und Universitätsprofessoren und sie hatten Visionen, wenn diese auch nur in ihre damaligen Verhältnisse passten. Das Ergebnis dieser Forschung war ein Sterilisationsgesetz, das 1931 verabschiedet und dessen Ausübung erst gestoppt wurde, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und so Fördergelder für das Projekt eingestellt wurden. Heute wird von Opfern und Tätern gleichermaßen über diese Zeit geschwiegen, der Staat Vermont hat sich nie für das Geschehene entschuldigt. Jodi Picoult sagte im an den Roman angehängten Interview, es sei wohl für beide Seiten zu schmerzhaft gewesen, Tatsachen von damals ans Licht zu bringen und öffentlich über sie zu sprechen.

Mich faszinierte dieses Thema im gleichen Maße, wie es mich anwiderte, denn ich halte es noch immer für aktueller denn je. Zwar hat sich das Gesicht dieser Forschungen gewandelt, aber Themen wie Pränataldiagnostik und Fragen wie Was ist ein lebenswertes Leben und wer entscheidet darüber? sind auch heute noch aktueller denn je. Picoult sagte, sie hätte mit Zeit der Gespenster den Gedanken durchspielen wollen, dass alle Dinge im Leben zurückkehren, um uns heimzusuchen - die Geschichte eingeschlossen. Ich halte diese Worte für sehr wahr und bin einmal mehr dafür sensibilisiert worden, welche Macht die Wissenschaft schon immer hatte und noch immer hat und wie fließend ihre Grenzen sind, wenn es darum geht, was Menschen für gut und richtig halten und wie sie entlang dieser Maximen handeln.

Darüber hinaus war der fiktive Teil von Zeit der Gespenster einfach nur eine wundervoll erzählte Geschichte. Die anfängliche Verwirrung, die die vielen Protagonisten mit sich brachten, löste sich nach und nach auf und fügte sich zu einem Gesamtbild zusammen - und ich liebe es, wenn Geschichten das tun. Diese hier tat es lückenlos und ich bin der Autorin als Leserin sehr dankbar für ihre gründliche Arbeit. Keine inhaltlichen Fragezeichen, die zurückbleiben. Keine Ungereimtheiten, nur Denkanstöße. Tiefgründige Protagonisten, die für mich Gesichter und Geschichten hatten. Und viele wundervolle Passagen und Zitate, die ich mir am liebsten alle angestrichen und herausgeschrieben hätte.

"Ob er will oder nicht, Menschen gehören einander. Sobald man für einen anderen ein Opfer gebracht hat, besitzt man einen Teil seiner Seele."

/
1.4.13 05:15
 


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